Zahnbürsten gegen das Vergessen

Das Wetter am 08.09.2017 ist grau, die Menschen auf Zittaus Straßen haben es eilig. Ein kleiner Junge läuft quirlig über den Johannisplatz – die Schule ist aus, der freie Nachmittag winkt. Aber ein ungewöhnliches Bild an der Ecke Bautzner Straße 2 lässt ihn doch stehen bleiben: Zwei junge Frauen kauern auf dem Boden und schrubben mit Metallpolitur und Zahnbürsten kleine grau angelaufene Metallplatten, die in das Pflaster eingelassen sind.

Schnell erfährt er von den Beiden, dass sie Teil eines Projektes des Philosophiekurses in der 11. Klasse am Christian-Weise-Gymnasium Zittau sind: Angeleitet von Frau Pohl, meiner Kollegin in der Netzwerkstatt der Hillerschen Villa – Soziokultur im Dreiländereck, haben es sich 16 engagierte Jugendliche zur Aufgabe gemacht, die sogenannten Zittauer Stolpersteine im Stadtzentrum wieder auf Hochglanz zu bringen. „Die sind mir vorher nie aufgefallen!“, staunt der junge Schüler.

„Die sind mir vorher nie aufgefallen“

Stolpersteine sind kleine Betonquader mit einer Messingplatte, in die Namen und Lebensdaten jener Menschen eingraviert sind, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Verlegt vor dem letzten freiwilligen Wohnort oder Arbeitsplatz, sollen sie die Erinnerung an die ermordeten Stadtbürger wachhalten und zum Nachdenken mahnen.

Dazu müssen sie aber auch wahrgenommen werden, was das eigentliche Anliegen der Putzaktion ist. Dieses Ziel haben die Schüler_Innen zweifellos erreicht: Auch an der Inneren Weberstraße 29 und der Dr.-Brinitzer-Straße bleiben Passanten stehen und zeigen ihre Neugier durch Bemerkungen wie „Ihr sitzt hier aber ungünstig!“ und „Leistet ihr hier Sozialstunden ab?“.
Die Jugendlichen sind vorbereitet: Mit Hilfe von informativen Flyern der Hillerschen Villa erzählen sie über das Schicksal jüdischer Menschen in Zittau, von Familie Keil und Max Brinitzer.

Stolpersteine für die jüdische Familie Keil

Selbst ein Reporter der Sächsischen Zeitung kommt vor Ort und zollt dem Engagement der Mädchen und Jungen Respekt.
Das Feedback ist positiv. „Eine gute Idee“ findet ein Anwohner. Allerdings ruft er uns auch ins Bewusstsein, dass die Initiative nicht bei allen Einwohnern Zittaus auf Zustimmung stößt: Er warnt davor, die Steine zu sehr zu putzen, da sie möglicherweise die Aufmerksamkeit von Gegnern des Stolpersteinprojektes erregen könnten. Tatsächlich sind einige Steine in der Vergangenheit bereits geschändet worden.

Dennoch sind sich die Schüler_Innen einig, dass die Aktion sinnvoll ist.
Bei Kaffee und Keksen im neuen Jugendtreffpunkt „Cafe X“ in der Böhmischen Straße 8 werten wir das Projekt aus. „Glänzende Steine sind im Stadtbild viel auffälliger und erregen bei mehr Leuten Aufmerksamkeit. Das ist ja die Aufgabe der Steine. Und wer die Steine zerstören will, macht das sowieso gezielt – egal ob sie glänzen oder nicht“, urteilt einer der Jugendlichen. Eine Schülerin fasst sehr treffend die tieferen Gedanken und Absichten hinter Zahnbürsten und Poliermittel zusammen und philosophiert:

„Das Putzen bewirkt, dass man sich immer wieder an die Vergangenheit erinnert – nicht nur einmal beim Verlegen der Steine“.

Auswertung mit Frau Pohl im Cafe X

Die Steine liegen nun wieder verlassen da.
Jetzt aber glänzend goldfarben – stumme Hirten der Erinnerung.

Text/Fotos von Cora Heß

 

 

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