7 Tage Erich Kästner

Mai 1933. Berlin – Platz neben der Staatsoper.

Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: „Dort steht ja der Kästner“. Mir wurde unbehaglich zumute. Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen. Doch es geschah nichts. (Obwohl in diesen Tagen gerade sehr viel zu „geschehen“ pflegte). Die Bücher flogen weiter ins Feuer.

Erich Kästner beobachtete aus nächster Nähe was es hieß ein verbotener Schriftsteller zu sein. Weit über hundert Autoren und Autorinnen standen auf den sogenannten Listen „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. Ihre Werke wurden vernichtet, und mit diesen oftmals die gesamte Existenz des Verfassers.

Erich Kästner

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine Bücher nie mehr in den Regalen und Schaufenstern der Buchläden zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlandes.

Kästner blieb da. Im deutschen Reich. Kästner wollte „Zeuge sein“, so beschrieb er es selbst. Zeitzeuge dieser unfassbaren Zeit. Er wollte einen Roman über dieses Erlebte schreiben. Doch dazu kam es nicht. Ihm fehlte die notwendige Distanz, die ein Schriftsteller braucht, um aus der Fülle der Fakten die künstlerische Idee zu entwickeln. Was blieb waren Tagebuchaufzeichnungen, Skizzen („das blaue Buch“) und das Erinnerungsbuch „Notabende 45“. Darin heißt es: „Wir müssen zurückblicken, ohne zu erstarren. Wir müssen der Vergangenheit ins Gesicht sehen“.

Bereits 1946 entstand der hier zitierte Text „Bei Verbrennung meiner Bücher“. Darin versucht er eine erste knappe Einordnung der Jahre im Nationalsozialismus.

Es hat zwölf Jahre gedauert, bis das Dritte Reich am Ende war. Zwölf Jahre haben genügt, Deutschland zugrunde zu richten. Und man war kein Prophet, wenn man, in satirischen Strophen, dies und ähnliche Ereignisse voraussagte. Das keine Irrtümer vorkommen konnten, lag auch am Gegenstand: am Charakter der Deutschen. Den Gegenstand seiner Kritik muss der Satiriker natürlich kennen. Ich kenne ihn.

Heute am 10.Mai, am Tag der Bücherverbrennung, möchten wir daran erinnern. Wir freuen uns, ab heute und den folgenden sechs Tagen Passagen aus Kästners letzten Gedichtband: „die 13 Monate“ präsentieren zu können.

Vorgetragen durch die Künstler Julia Boegershausen und Björn Bewerich. Es handelt sich dabei um Auszüge aus ihrem aktuellen Programm „13 Monate und andere Ungereimtheiten“.

Teil 1 von 7 – 10.5.2020 (7 Tage online)

Der Januar    https://youtu.be/ySii20PT9Ck 

Teil 2 von 7 – 11.5.2020 (7 Tage online)

Der März      https://youtu.be/Vk-uUcqWxAY

Teil 3 von 7 – 12.5.2020 (7 Tage online)

Der April      https://youtu.be/oLN7qdZh8Wk

Teil 4 von 7 – 13.5.2020 (7 Tage online)

Der Mai       https://youtu.be/3dahWtxGXM4

Teil 5 von 7 – 14.5.2020 (7 Tage online)

Der Juni        https://youtu.be/IUyVAUu8Zoc

Teil 6 von 7 – 15.5.2020 (7 Tage online)

Der Oktober  https://youtu.be/21gD1Ero1JQ

Teil 7 von 7 – 16.5.2020 (7 Tage online)

Der Dezember https://youtu.be/DXuTgg6Ffk0

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