„Corona- sowie Klimakrise: Lernt aus den Wissenschaften!“

Redebeitrag zur Kundgebung von Fridays for Future in Zittau, 22. Mai 2020

Danke, dass ich heute hier sprechen darf. Ich spreche zuerst einmal als junger Mensch, der nicht will, dass dieser Planet weiterhin gedankenlos ausgebeutet und zerstört wird. Ich habe selbst vor ungefähr zehn Jahren mein Abitur gemacht und die wenigsten aus meiner Klasse wären damals fürs Klima auf die Straße gegangen – ich auch nicht. Deshalb: super, dass ihr es macht, und dass ihr auch und gerade in der jetzigen Situation nicht damit aufhört.

Ich spreche heute aber auch als junge Wissenschaftlerin. Ich bin keine Virologin. Ich bin auch keine Epidemologin, Meteorologin oder Klimaforscherin. Wenn überhaupt, bin ich eine Gesellschaftsklimaforscherin. Als Historikerin und Kulturwissenschaftlerin beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Entwicklungen und damit, wie wichtige Themen in der Öffentlichkeit verhandelt werden.

Was mir in der aktuellen Situation Sorge bereitet, ist die Art und Weise, wie unter dem Vorwand, demokratische Werte einzufordern, wissenschaftliche Erkenntnisse geleugnet und diffamiert werden. Das betrifft die Erkenntnisse in Bezug auf den Klimawandel genauso wie die medizinischen Erkenntnisse über Covid-19. Leider lässt sich dabei auch beobachten, dass bestimmte Argumentationslinien benutzt werden, die seit Jahrhunderten zur europäischen Kulturgeschichte gehören und die im Kern antisemitisch sind.

Was passiert denn eigentlich gerade?

Hier in Zittau, in Görlitz, in Bautzen und an vielen anderen Orten in Deutschland gehen Menschen auf die Straße, weil sie sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen. In den sozialen Netzwerken kursieren massenhaft polemische Beiträge, werden problematische Statements und Aufrufe verbreitet, wobei die daraus folgenden Debatten oft irrational und mit gewaltvoller Sprache geführt werden.

Das Problematische daran ist nicht, dass Menschen hier von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, sondern dass sie behaupten, in einer sehr komplizierten Situation als einzige die Wahrheit zu kennen; oder dass es eine geheime Wahrheit gebe, die ihnen, von wem auch immer, vorenthalten wird.

In den Wissenschaften geht es nicht darum, eine allgemeingültige Wahrheit zu formulieren. Ziel der Wissenschaft ist es, Erkenntnisse zu produzieren, die anhand klar definierter Methoden allgemein nachvollziehbar sind, und die offen und transparent zugänglich sein sollten. Wissenschaftler*innen müssen sich dabei der Gesellschaft gegenüber verantworten, und tun das in den meisten Fällen auch.

Ein Instrument des wissenschaftlichen Arbeitens sind Theorien. Theorien dienen dazu, Aussagen über die Welt treffen, die dann auf ihre Erklärungskraft überprüft, und, je nachdem, bestätigt oder verworfen werden können. Es gibt natürlich noch andere Arten, Aussagen über die Welt zu formulieren. Diese würde ich nicht als Theorien, sondern als Erzählungen oder Mythen bezeichnen. Eine Sonderform, die im Moment sehr große Anziehungskraft besitzt, sind Verschwörungserzählungen.

Wie funktionieren Verschwörungserzählungen? Mit einer Verschwörungserzählung wird versucht, die Ursache für gesellschaftliche Probleme oder eine Krise auf eine Gruppe von Menschen zu projizieren. Dieser Gruppe wird vorgeworfen, einen bösen Plan zu verfolgen, im Geheimen zu agieren und mächtig genug zu sein, diesen geheimen, bösen Plan auch auszuführen. Das Gefährliche daran ist, dass es oft nicht bei der bloßen Erzählung bleibt. Einzelne, Gruppierungen oder sogar ganze Parteien können sich durch Verschwörungsmythen dazu ermächtigt fühlen, sich gegen die angeblichen Verschwörer*innen zu wehren und sie aus der Gesellschaft auszuschließen.

Die ältesten und häufigsten Verschwörungserzählungen in der europäischen Geschichte sind die einer angeblichen jüdischen Verschwörung. Zur Zeit der großen Pestepidemien wurden Juden*Jüdinnen fälschlicherweise beschuldigt, Brunnen zu vergiften und so das massenhafte Sterben zu verursachen. Die Folgen waren gewalttätige Pogrome und die Vertreibung sämtlicher jüdischer Menschen aus den Städten.

Antisemitische Verschwörungserzählungen haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt. Im neunzehnten Jahrhundert wurden ältere Formen des Antisemitismus mit Elementen der Rassenideologie angereichert. Mit gefälschten Berichten und angeblichen Enthüllungen wurde gezielt Stimmung gegen Juden*Jüdinnen gemacht und das Bild einer „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ in den Köpfen vieler Europäer*innen zementiert. Schließlich wurde die Gesamtheit aller jüdischen Menschen der Verschwörung gegen eine sogenannte „überlegene Rasse“ bezichtigt auf diesen Verschwörungsmythos wurden die Konzentrationslager von Auschwitz und Treblinka gebaut.

Seit deren Befreiung sind jetzt 75 Jahre vergangen. Doch die Erzählung von der jüdischen Weltverschwörung ist noch lange nicht Geschichte. Sie ist tief im kollektiven Gedächtnis europäischer Gesellschaften verwurzelt und prägt bis heute die Funktionsweise von Verschwörungsmythen jeder Art. Egal, ob explizit jüdische Personen als angebliche „Strippenzieher“ genannt werden – zum Beispiel wenn behauptet wird, „Fridays for Future“ seien „Kindersoldaten“ unter dem geheimen Befehl von Milliardär George Soros – oder ob nur ganz allgemein von „Finanzeliten“ oder „Geheimbünden“ die Rede ist: der zugrundeliegende Code bleibt antisemitisch. Die Journalistin Anetta Kahane bezeichnet deshalb Antisemitismus auch als „Betriebssystem jeder Verschwörungserzählung“.

Erschreckend ist das vor allem deshalb, weil wir heute längst über so viele wissenschaftliche Erkenntnisse verfügen, dass wir ein komplexes Problem eigentlich nicht mehr über simple Schuldzuweisungen erklären müssten. Die Menschen im Mittelalter wussten immerhin tatsächlich nicht, dass die Pest von Bakterien übertragen wurde. Sie wussten nicht einmal, was Bakterien sind. Heute aber haben wir geeignete Methoden, um Auslöser und Übertragungswege von Krankheiten zu erforschen und ihre Ausbreitung einzudämmen.

Natürlich sind viele der Bedürfnisse und Ängste der wissenschaftsskeptischen Demonstrant*innen nachvollziehbar. Mir ist auch wichtig, zu betonen, dass es nicht darum geht, irgendjemanden als Antisemiten zu bezeichnen. Es geht darum, sich genau anzuschauen, welche Verschwörungsmythen und wissenschaftsfeindlichen Erzählungen gerade kursieren und was daran antisemitisch ist.

Es ergibt deshalb auch keinen Sinn, über Wahrheiten zu diskutieren, oder gar über die Wahrheit, und wer sie womöglich besitzt. Viel wichtiger ist jetzt, darüber zu reden, wie wir wissenschaftliche Erkenntnisse nutzen können, um einen Umgang mit Krisensituationen zu finden, der nicht zu gesellschaftlicher Benachteiligung, Ausbeutung oder Ausgrenzung führt. Und das betrifft nicht nur die Erkenntnisse der Medizin, sondern eben auch der
Gesellschaftswissenschaften, der Klimaforschung oder der Wirtschaftswissenschaften.

Deshalb: denkt nach! Hinterfragt Quellen und Autor*innen! Verlasst euch nicht auf einfache „Wahrheiten“, sondern recherchiert gründlich und kritisch! Das Gute an Wissenschaft ist ja, dass sie transparent und überprüfbar ist.

Und nein, ich beziehe meine Informationen nicht aus irgendwelchen geheimen Quellen. Es gibt dazu eine ganze Reihe hervorragender und frei zugänglicher Materialien, unter anderem auf der Website der Amadeu-Antonio-Stiftung unter dem Stichwort Antisemitismus. Wenn sich jemand intensiver damit auseinandersetzen will, empfehle ich die vielen digitalen Angebote, die gerade im Rahmen der bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus
verfügbar sind. Unter dem Hashtag „glaubnichtalles“ könnt ihr sie auch in den sozialen Medien verfolgen und Veranstaltungen teilen.

Danke für eure Aufmerksamkeit.

AKL

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https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/antisemitismus/

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