Kein Ende der Geschichte

Es ist keinen Monat her, da wurde in Deutschland dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht. Corona-bedingt war es dieses Jahr ein etwas einsames Erinnern. Die Verantwortung, sich mit der Vergangenheit (auch der jüngsten) auseinanderzusetzen, lag damit bei jeder und jedem Einzelnen. Nachdenkliche und mahnende Beiträge, die gegen das Vergessen der Opfer faschistischer Gewalt im 20. Jahrhundert (und auch der Opfer von Hanau, Halle und Kassel) anschrieben, hatten es in der Flut neuer Meldungen zur Pandemieentwicklung etwas schwer.

Nicht so schlimm? Genug erinnert? Im Gedenken sind wir doch eh schon Weltmeister?

Die Forderungen nach einem Ende der Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands ebben nicht ab – zwischen 25 und 32 Prozent der Deutschen befürworteten in den letzten Jahren¹ einen solchen „Schlussstrich“. Manche Umfragen sprechen von bis zu 53 Prozent.² Dabei ist das Bild schon falsch: als ob man im Umgang mit Geschichte eine mathematisch exakte Rechnung aufstellen, sie mit einem eindeutigen Ergebnis beenden und dieses unterstreichen könnte.

Eine exakte Wissenschaft ist Geschichte nun bekanntlich nicht.

Vielmehr klafft im Bemühen um die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen in Deutschland ein Riss: das Gedenken in der Öffentlichkeit auf der einen Seite, das Leugnen im Privaten auf der anderen Seite.

Fragt man Bundesbürger*innen nach ihrem Wissen und ihren Einschätzungen zur NS-Zeit, entsteht ein verzerrtes Bild. So schätzten die Befragten in der jüngsten MEMO-Studie der Uni Bielefeld und der Stiftung EVZ, dass mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung nichts von der systematischen Ermordung von Menschen gewusst habe³. Konkret auf ihre Familie angesprochen, schreiben 32 Prozent der Befragten ihren Verwandten oder Vorfahren eine Helfer-Biografie zu. (Seriöse Schätzungen gehen lediglich von einigen Zehntausend Menschen aus, die potenziellen NS-Opfern geholfen haben⁴.) Auf die Frage „Waren Vorfahren von Ihnen unter den Tätern während der Zeit des Nationalsozialismus?“ antworteten 68 Prozent der Studienteilnehmer*innen mit Nein.⁵

Diese Art der Schuldabwehr ist nicht neu. Es war für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg leichter, sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus zu sehen, über die Vergangenheit zu schweigen und die Erinnerung abzuwehren. Der Wunsch, mit der negativen deutschen Vergangenheit endgültig abzuschließen, geht zudem nicht selten mit einem latenten Antisemitismus einher. Juden und Jüdinnen wird wiederholt vorgeworfen, den Finger in die Wunde zu halten und damit eine positive Identifikation der Deutschen mit ihrer Geschichte zu verhindern.⁶ Statt sich mit den Taten (oder dem Wegsehen) der eigenen Eltern und Großeltern zu befassen, werden die Opfer und deren Nachkommen angeklagt, die Erinnerung an Schuld und Scham wachzuhalten. Diese Verknüpfung von Antisemitismus mit Erinnerungsabwehr ist in Zvi Rex‘ Ausspruch gebündelt „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“⁷

Was folgt nun daraus? Sind die Deutschen unfähig, aus ihrer Geschichte zu lernen?

Und was hat das mit mir zu tun?

Ich habe ab Ende der 1990er-Jahre das Standardprogramm deutscher Schulbildung zum Thema Nationalsozialismus absolviert (bei Lehrer*innen, die ihre Ausbildung zu DDR-Zeiten gemacht hatten). Ich habe Bücher gelesen, Dokumentationen und Spielfilme und jede Menge Schwarzweißbilder gesehen. Nie habe ich gefragt, was meine Familie damit zu tun hatte. Und nie wurde ich von jemandem gefragt, wie und ob meine Familie damit in Zusammenhang steht. Ich erinnere mich, als Jugendliche Irgendwann doch mal vorsichtig eine Frage gestellt zu haben. In der Antwort kam ein Urgroßvater vor, von dem man stolz erzählen könne, dass er im Krieg keinen einzigen Schuss abgegeben habe, weil er nur in der Feldküche eingesetzt worden sei.

In den Erzählungen meiner Großeltern dominierten andere Geschichten. Erinnerungen an die „Ankunft des Krieges“ in einem schlesischen Gebirgsdorf und die Vertreibung der Einwohner*innen gen Westen. Die Unsicherheit in den letzten Kriegsmonaten, als Görlitz geräumt werden musste, und natürlich die entbehrungsreiche Nachkriegszeit mit Hunger und Mangel.

Wie ernst ist es uns Nachfahren heute mit der Aufarbeitung? Und ist mein Nicht-Nachfragen nicht auch eine Art von Verdrängung? Will ich die Antworten überhaupt wissen? Damit muss ich mich beschäftigen.

Für ein ehrliches Erinnern und ein aufrichtiges Gedenken reicht es nicht, das Wissen über „die Nazi-Verbrechen“ wachzuhalten. Es genügt kein abstraktes „Die Geschichte lehrt uns, dass…“ Sondern wir brauchen ein konkretes Fragen: Was hat mir die Vergangenheit zu sagen? Welche Geschichte wird in meiner Familie erzählt und warum? Was weiß ich über die Geschichte meines Wohnortes zur NS-Zeit? Wie konnte es passieren, dass eine Demokratie gescheitert ist und was haben lokale Mitwisserschaft und konkretes Mittätertum mit den beispiellosen Verbrechen jener Zeit zu tun?

Unter diese Fragen kann es keinen Schlussstrich geben.

AHE

1 Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld: MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor, Studie III, 2020, S. 26; URL: https://www.stiftung-evz.de/fileadmin/user_upload/EVZ_Uploads/Publikationen/Studien/EVZ_Studie_MEMO_2020_dt_Endfassung.pdf

2 Staas, Christian: Das Ende der Selbstgewissheit, in: DIE ZEIT Nr. 19/2020, 29. April 2020; (Studie wurde von der ZEIT in Auftrag gegeben).

3 Ebd., S. 18.

4 Albert, Julia/Tuchel, Johannes: Widerstand gegen den Nationalsozialismus (=bpb Informationen zur politischen Bildung; 330), Bonn 2016; URL: https://www.bpb.de/izpb/232791/widerstand-gegen-den-nationalsozialismus

5 MEMO Deutschland III, S. 16.

6 Nach einer Studie der Anti-Defamation League von 2019 waren 42 Prozent der Deutschen der Meinung, Juden würden zu viel über den Holocaust sprechen. https://global100.adl.org/country/germany/2019

7 Siehe dazu: Siegel, Anja: Sekundärer Antisemitismus in Deutschland, Blogpost der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) 2018; URL: https://blog.prif.org/2018/08/01/die-deutschen-werden-den-juden-auschwitz-nie-verzeihen-zvi-rex-sekundaerer-antisemitismus-in-deutschland/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*