Archiv der Kategorie: Projekte mit Schülern

„Du bist Europa!“

Europa kann man fühlen. Wer schon einmal in Berlin oder gar direkt in Brüssel war, weiß das. Es fühlt sich wie der Pulsschlag eines gewaltigen Herzens an, voller Energie. Etliche verschiedene Sprachen, Fahnen, Autokennzeichen, Waren – die Internationalität liegt quasi auf der Straße und ist für jeden mit Händen zu greifen.

In Zittau ist davon gewöhnlich wenig zu spüren. Auf dem Wochenmarkt spricht man eher über die neuesten Ereignisse in Spitzkunnersdorf, Mittelherwigsdorf und Bertsdorf-Hörnitz als über Straßburg, Madrid und Bukarest. Wer „nu“ nicht versteht und „Abbernmauke“ nicht kennt, fällt schon auf wie ein bunter Hund. Soweit so gut. Komisch wird es, wenn jemand vor dem Stand des Gemüsehändlers aus Tschechien steht, um den Preis der schönsten tschechischen Gurke feilscht und zeitgleich über die Sinnlosigkeit der EU schimpft. Und danach, als wäre nichts geschehen, nach Polen tanken und Zigaretten kaufen fährt.

Diese offensichtliche Diskrepanz wollen wir als Netzwerkstatt und 50 junge SchülerInnen des Christian-Weise-Gymnasiums nicht hinnehmen und beschlossen, ein kleines Stück Europa in unsere Stadt zu holen. Oder besser gesagt, ins Bewusstsein – denn auf den zweiten Blick findet man in Zittau (fast) genauso viel Europa wie in Berlin.

Dazu luden wir am 19. April drei engagierte ReferentInnen von JEF Sachsen in die Hillersche Villa ein. JEF steht für Junge Europäische Föderalisten und bezeichnet einen überparteilichen internationalen Verband junger Menschen, der für die europäische Idee brennt und diese Anderen erklären und ins Bewusstsein rücken will.

In unserem Projekttag unter Leitung von Herrn Jörg Stüwe zu dem Motto „Du bist Europa“ tauchten wir zunächst in die Geschichte der Europäischen Union ein und ergründeten Errungenschaften der EU, die unser aller Alltag bestimmen und uns bisher selbstverständlich schienen.

Direkt im Anschluss durften wir einen besonderen Gast begrüßen – Herrn Baumann-Hasske, Abgeordneter des Landtages und unter anderem Sprecher der SPD-Fraktion für Europapolitik sowie Mitglied im Europaausschuss. Im Podium bot sich den SchülerInnen die Möglichkeit, den Abgeordneten, eine Referentin von JEF und ihre Lehrerin mit allen Fragen zu bestürmen, die sie zu ihrer Sicht auf Europa und Europapolitik hatten. Wer mutig war, konnte sich auch selbst befragen lassen.

So inspiriert starteten wir in ein besonderes Planspiel. Alle Teilnehmenden schlüpften in die Rollen von Abgeordneten verschiedener Fraktionen im Europäischen Parlament, die sich mit dem Thema Asylgesetzgebung befassten. In Kleingruppen wurden zuerst die Positionen der Fraktion erarbeitet und Argumente gesammelt.

Mit diesen Argumenten gingen die gewählten SprecherInnen der Fraktionen dann in eine spannende Diskussion. Herr Baumann-Hasske verkörperte bei dieser Simulation einer Sitzung des Europäischen Parlamentes den Kommissionspräsidenten. Der Höhepunkt des Tages!

Abschließen konnten wir den interessanten Tag mit viel positivem Feedback und dem Plan, ein ähnliches Projekt auch 2019 durchzuführen – dem Jahr der Europawahl, bei der alle wahlberechtigten EU-BürgerInnen mitbestimmen können, welche Politik in den darauffolgenden 5 Jahren im Europäischen Parlament betrieben werden wird. Vielleicht wird sich der eine oder die andere am Wahltag an unser Projekt erinnern.

Text und Fotos von Cora Heß

Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtages beschlossenen Haushaltes.

Sieben Brücken und ein Kloster

Erhaben, respektgebietend, der Welt entrückt: an die sanften Hänge des Neißetals bettet sich seit nahezu 1800 Jahren das Nonnenkloster St. Marienthal als ein Ort der Stille. Eine Stille voller Leben: im IBZ, dem internationalen Begegnungszentrum St. Marienthal treffen ständig die unterschiedlichsten Jugend- und Seminargruppen zusammen.
Ein Ort der Begegnung – wie geschaffen also für unser eigenes Begegnungsprojekt! Unter dem Thema „Energie schöpfen“ finden 19 Schüler_Innen des Gymnasiums „Evangelische Zinzendorf-Schulen“ und der Förderschule „Johann Amos Comenius“ hier vom 24. Bis 27. Oktober 2017 zusammen, um mit Patrick Weißig aus der Hillerschen Villa dem Ursprung von Energie nachzuspüren. Im Vordergrund steht der Gedanke: „Woraus ziehe ich meine eigene Energie? Was treibt mich an?“.

Das Projekt beginnt spannend. Man_frau kennt sich nicht, Berührungsängste und gegenseitige Vorbehalte  hängen spürbar in der Luft. Doch durch lustige Kennenlernspiele lockert sich die Stimmung schnell. Wer kann auch ernst bleiben, wenn er_sie versucht, mit dicken Filzstiften in 3 Minuten ein einigermaßen realitätsnahes Porträt des Gegenübers zu zeichnen?

Bald kommen wir direkt zur Sache: Die Schüler_Innen können ihre Wünsche angeben, in welcher Arbeitswerkstatt sie in der kommenden Woche täglich mehrere Stunden verbringen wollen. Malerei, Schauspiel oder Fotografie? Die Entscheidung fällt so manchem_r schwer. Doch als die Arbeit in den Werkstätten beginnt, lösen sich die Zweifel der Jugendlichen schnell auf. Tolle Talente treten zu Tage, alle werden zum Lachen gebracht.

Für Abwechslung und Bewegung sorgen interessante Ausflüge in die Umgebung des Tagungshauses. Am Mittwoch besteigen wir mit fachkundigem ehemaligem Tagebaupersonal den Schaufelradbagger am Berzdorfer See. Mit bunten Schutzhelmen ausgestattet tauchen die Schüler_Innen in die Vergangenheit ein, im Ohr einen unaufhörlichen Informationserguss über Details der Bau- und Funktionsweise der imposanten Maschine und des Arbeitsalltags der Tagebauarbeiter_Innen.  Auch deren besonderen paradoxen Humor dürfen wir live erleben, während wir über ungezählte stählerne Treppen und Brücken steigen und die Höhenangst bezwingen.

Der Donnerstag führt uns nicht ganz so weit weg: Herr Georg Salditt vom IBZ erklärt uns in einer Klosterführung eine ganz andere Form von Energie als jene, die aus der Kohle kommt, nämlich die Lebenseinstellungen der Nonnen des Zisterzienserordens. Die Jugendlichen interessieren vor allem praktische Fragen:  „Was bedeutet eigentlich, ohne eigenen Besitz zu leben?“.  Im Anschluss werfen wir noch einen Blick in das historische Sägewerk. Der Abend findet einen besinnlichen Abschluss bei den faszinierenden Klängen der Abendandacht der Nonnen.

Am Freitag können sich die einzelnen Arbeitsgruppen schließlich ihre Ergebnisse präsentieren. Die Malereiwerkstatt lädt zu einer Galerie farbenfroher Bilder ein, die ganz unterschiedlich an das Thema innere Energie angelehnt sind. Die Fotograf_Innen unter uns stellen eindrucksvolle Porträt- und Landschaftsaufnahmen aus. Highlight bildet schließlich die Darbietung der Schauspielgruppe, die sich mit viel Fantasie mit dem Märchen „das kalte Herz“ auseinandergesetzt hat und uns nun ein kleines Theaterstück vorführt, in dem vor allem das ernste Thema der Energie des Geldes eine Rolle spielt – wenn auch voller Humor inszeniert, zum Beispiel mit gemeinsamen Singen von „Über sieben Brücken musst du gehen…“.

Damit findet unsere gemeinsame Zeit auch schon ihr Ende. Das Feedback der Teilnehmenden ist überwiegend positiv. Auf jeden Fall wünschen sich fast alle, dass dieses Projekt, dass nun schon das 5. Mal stattfindet, auch im nächsten Jahr wieder angeboten wird und würden es gern weiterempfehlen. Beim Abschied hört man auch schon mal die Worte „Ich fand dich beim Theater richtig cool!“ und  „Es war schön mit euch!“.

Alle sind sich näher als noch zu Beginn der Woche, der trennende Spalt aus Vorurteilen ist viel schmaler geworden, wir haben ihn mit echten Erfahrungen gefüllt –

Brücken geschlagen.

 

Fotos von Patrick Weißig
Text von Cora Heß

 

Zahnbürsten gegen das Vergessen

Das Wetter am 08.09.2017 ist grau, die Menschen auf Zittaus Straßen haben es eilig. Ein kleiner Junge läuft quirlig über den Johannisplatz – die Schule ist aus, der freie Nachmittag winkt. Aber ein ungewöhnliches Bild an der Ecke Bautzner Straße 2 lässt ihn doch stehen bleiben: Zwei junge Frauen kauern auf dem Boden und schrubben mit Metallpolitur und Zahnbürsten kleine grau angelaufene Metallplatten, die in das Pflaster eingelassen sind.

Schnell erfährt er von den Beiden, dass sie Teil eines Projektes des Philosophiekurses in der 11. Klasse am Christian-Weise-Gymnasium Zittau sind: Angeleitet von Frau Pohl, meiner Kollegin in der Netzwerkstatt der Hillerschen Villa – Soziokultur im Dreiländereck, haben es sich 16 engagierte Jugendliche zur Aufgabe gemacht, die sogenannten Zittauer Stolpersteine im Stadtzentrum wieder auf Hochglanz zu bringen. „Die sind mir vorher nie aufgefallen!“, staunt der junge Schüler.

„Die sind mir vorher nie aufgefallen“

Stolpersteine sind kleine Betonquader mit einer Messingplatte, in die Namen und Lebensdaten jener Menschen eingraviert sind, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Verlegt vor dem letzten freiwilligen Wohnort oder Arbeitsplatz, sollen sie die Erinnerung an die ermordeten Stadtbürger wachhalten und zum Nachdenken mahnen.

Dazu müssen sie aber auch wahrgenommen werden, was das eigentliche Anliegen der Putzaktion ist. Dieses Ziel haben die Schüler_Innen zweifellos erreicht: Auch an der Inneren Weberstraße 29 und der Dr.-Brinitzer-Straße bleiben Passanten stehen und zeigen ihre Neugier durch Bemerkungen wie „Ihr sitzt hier aber ungünstig!“ und „Leistet ihr hier Sozialstunden ab?“.
Die Jugendlichen sind vorbereitet: Mit Hilfe von informativen Flyern der Hillerschen Villa erzählen sie über das Schicksal jüdischer Menschen in Zittau, von Familie Keil und Max Brinitzer.

Stolpersteine für die jüdische Familie Keil

Selbst ein Reporter der Sächsischen Zeitung kommt vor Ort und zollt dem Engagement der Mädchen und Jungen Respekt.
Das Feedback ist positiv. „Eine gute Idee“ findet ein Anwohner. Allerdings ruft er uns auch ins Bewusstsein, dass die Initiative nicht bei allen Einwohnern Zittaus auf Zustimmung stößt: Er warnt davor, die Steine zu sehr zu putzen, da sie möglicherweise die Aufmerksamkeit von Gegnern des Stolpersteinprojektes erregen könnten. Tatsächlich sind einige Steine in der Vergangenheit bereits geschändet worden.

Dennoch sind sich die Schüler_Innen einig, dass die Aktion sinnvoll ist.
Bei Kaffee und Keksen im neuen Jugendtreffpunkt „Cafe X“ in der Böhmischen Straße 8 werten wir das Projekt aus. „Glänzende Steine sind im Stadtbild viel auffälliger und erregen bei mehr Leuten Aufmerksamkeit. Das ist ja die Aufgabe der Steine. Und wer die Steine zerstören will, macht das sowieso gezielt – egal ob sie glänzen oder nicht“, urteilt einer der Jugendlichen. Eine Schülerin fasst sehr treffend die tieferen Gedanken und Absichten hinter Zahnbürsten und Poliermittel zusammen und philosophiert:

„Das Putzen bewirkt, dass man sich immer wieder an die Vergangenheit erinnert – nicht nur einmal beim Verlegen der Steine“.

Auswertung mit Frau Pohl im Cafe X

Die Steine liegen nun wieder verlassen da.
Jetzt aber glänzend goldfarben – stumme Hirten der Erinnerung.

Text/Fotos von Cora Heß

 

 

Film und Kerzen zum Gedenken in Zittau

Anlässlich des Internationalen Holocaustgedenktags, am 27. Januar zeigte die Netzwerkstatt der Hillerschen Villa, den Dokumentarfilm „Wir sind Juden aus Breslau“ im Kronenkino.

Die Schicksale von 14, in Breslau geborenen, Menschen werden erzählt. Sie wurden in der Zeit des Nationalsozialismus als Juden verfolgt: einigen gelang die Flucht, andere überlebten das Konzentrationslager Auschwitz. Sie alle bauten sich nach dem Krieg und dem Ende der Verfolgung ein neues Leben auf – ob in den USA, England, Frankreich oder Israel. Die meisten von ihnen reisen während des Films erstmalig wieder zurück ins heutige Wrocław und sprechen mit einer deutsch-polnischen Jugendgruppe über ihre Vergangenheit.

Der Dokumentarfilm von Karin Kaper und Dirk Szuszies hatte am 06. November 2016 in Wrocław, im Rahmen der „Kulturhauptstadt Europas“ seine Premiere. Von der Deutschen Film- und Medienbewertung erhielt der Film das Prädikat wertvoll.
Im Anschluss der Veranstaltung konnten die Besucher mit der Regisseurin Karin Kaper ins Gespräch kommen, sich über die Entstehung des Filmes und die Arbeit mit den Zeitzeugen informieren.

Insgesamt konnten weitaus mehr Besucher als in den vergangenen Jahren begrüßt werden, auch Schüler der Weinauschule sahen den Film.
Schon im Vorfeld der Veranstaltung, am Nachmittag, gedachten Schüler der Zittauer Weinauschule, den während der NS-Zeit ermordeten Zittauer Bürgern. Die Schüler stellten Kerzen an allen 20 Stolpersteinen auf und beschäftigten sich mit den Biografien der Menschen, die zu Opfern wurden. Auch im nächsten Jahr möchte die NETZWERKSTATT der Hillerschen Villa diese Art des Gedenkens fortführen.

Stolpersteine erinnern an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. Das Kunst- und Gedenkprojekt wurde 1992 vom Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen. Inzwischen wurden über 56 000 Stolpersteine europaweit verlegt, 20 davon in Zittau. 2005 initiierte die Initiative „Erinnerung und Versöhnung“ die Verlegungen, später die NETZWERKSTATT der Hillerschen Villa.
Ein großes Dankeschön an die Schüler der Weinauschule und ihrer Lehrerin, an Frau Karin Kaper, das Team des Kronenkinos und die Kulturfabrik „Meda“ in Mittelherwigsdorf!

 

Text/Fotos von Maximilian Franke