Konzert-Livestream und historischer Stadtrundgang zum Gedenken an die Novemberpogrome

Vor 82 Jahren erlebten jüdische Menschen in Zittau, in ganz Deutschland und darüber hinaus eine Nacht, die vielen von ihnen jegliche Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft nahm. In der Pogromnacht des 9. November marschierten Männer der Sturmabteilung durch die Zittauer Straßen und versuchten, in jüdische Läden und Wohnungen einzudringen, was ihnen in einigen Fällen auch gelang. Mindestens 6 jüdische Zittauer wurden in sogenannte Schutzhaft genommen und nach Buchenwald verschleppt. Die Zittauer Synagoge wurde gestürmt, die heiligen Schriften verbrannt und das Gebäude am Tag darauf gesprengt. Viele Zittauer Juden und Jüdinnen, die sich bis dahin in Zittau in Sicherheit geglaubt hatten, verließen in der Folgezeit ihren Heimatort. Einigen gelang die Flucht, viele überlebten die Shoah nicht.

Die zerstörte Zittauer Synagoge in der Lessingstraße vor ihrer Sprengung am 10. November 1938. Im Hintergrund die Marienkirche.

So schwierig es ist, unter den aktuellen Bedingungen Veranstaltungen durchzuführen – so wichtig sind Gedenk-Veranstaltungen, gerade unter den aktuellen Umständen. Denn natürlich ist es wichtig, Leben zu schützen, das steht nicht zur Diskussion. Deshalb haben wir uns alle Mühe gegeben, Veranstaltungsformate zu finden, die niemanden in Gefahr bringen.

Ich möchte aber auch daran erinnern, dass jüdisches Leben in Deutschland und weltweit permanent in Gefahr ist. Das zeigen die Anschläge auf Menschen in und vor Synagogen, wie in Pittsburgh 2018, in Halle 2019 und dieses Jahr in Hamburg. Das zeigen auch die sich immer weiter ausbreitenden antisemitischen Verschwörungs-erzählungen und Hassbotschaften, die seit einigen Jahren wieder lauter werden und seit Ausbruch der Corona-Pandemie eine ganz neue Kraft entwickelt haben.

Ich möchte deshalb hervorheben, wie wichtig es ist, diese Verschwörungserzählungen und Hassbotschaften nicht einfach stehen zu lassen. Wir dürfen sie nicht zum gewohnten Tonfall werden lassen. Denn sie sind der Soundtrack, zu dem rechtsextreme Terroristen Menschen ermorden, die in ihren Weltbildern zu Feinden erklärt werden. Stattdessen müssen wir informiert bleiben, uns genau anschauen, wie solche Erzählungen funktionieren, um ihnen etwas entgegenzusetzen und ihnen die Macht nehmen zu können.

Die Amadeu-Antonio-Stiftung hat bereits im Frühjahr mit den Aktionswochen gegen Antisemitismus deutschlandweit zu Bildungsveranstaltungen zu diesem Thema aufgerufen. Dabei wurden jede Menge Ressourcen zusammengetragen, die engagierte Menschen nutzen können, um zur Aufklärung und Prävention beizutragen. Eine Auswahl findet sich hier.

Um an die Geschehnisse des 9. und 10. November in Zittau zu erinnern, veranstaltete die NETZWERKSTATT ein Konzert mit der Band Klezmeresque, live gestreamt aus dem Wächterhaus in der Inneren Weberstraße. Hier befand sich im 19. Jahrhundert der erste Gebetsraum der Zittauer jüdischen Gemeinde. Heute wird das Gebäude vom Freiraum e.V. für Kulturveranstaltungen und Werkstätten genutzt. Das Konzert in voller Länge gibt es nun auch auf Youtube:

Außerdem haben wir einen historischen Stadtrundgang „zum Selbermachen“ vorbereitet. Dieser führt entlang von fünf Stationen im Stadtraum, an denen wir für zwei Tage Schilder mit QR-Codes aufgestellt haben. Über die QR-Codes gelangte man zu einer Online-Karte mit Bildern und Hintergrundinformationen zu den Novemberpogromen in Zittau. Die Karte ist weiterhin online (auf Deutsch und Englisch) und kann für Stadtrundgänge auf eigene Faust genutzt werden: http://bit.ly/StadtrundgangNov

Ein herzlicher Dank geht an die Stolpersteinpat:innen, die mir bei den Vorbereitungen des Gedenktags mit Rat und Tat zur Seite standen und das ganze Jahr über ihren Teil dazu beitragen, dass die Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten Zittauer:innen lebendig bleibt. Wenn Sie auch eine Patenschaft für einen der Zittauer Stolpersteine übernehmen wollen, melden Sie sich gerne unter a.kleinbauer@hillerschevilla.de oder telefonisch unter 03583 779622.

AKL

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