{"id":2150,"date":"2023-02-28T06:38:50","date_gmt":"2023-02-28T05:38:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/?p=2150"},"modified":"2023-06-06T14:18:10","modified_gmt":"2023-06-06T12:18:10","slug":"verbrannte-und-verbotene-bucher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/verbrannte-und-verbotene-bucher\/","title":{"rendered":"Verbrannte und verbotene B\u00fccher: Zittaus \u00f6ffentliche Bibliotheken im Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Vorgeschichte 30. Januar bis 5. M\u00e4rz<\/em> 1933<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herrschaft der Nationalsozialisten begann am 30. Januar 1933 mit der <a href=\"http:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/30-januar-1933-machtergreifung-oder-die-bedingungen-der-moeglichkeit-der-nationalsozialistischen-diktatur\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2027\">Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler<\/a> durch den Reichspr\u00e4sidenten Paul von Hindenburg. Nur zwei Tage sp\u00e4ter l\u00f6ste Hitler den Reichstag auf und ordnete Neuwahlen f\u00fcr den 5. M\u00e4rz an. Dies erfolgte in Absprache mit dem Reichspr\u00e4sidenten und den Mitgliedern der Regierung, um die Ernennung Hitlers und die Neubildung einer Regierung durch eine demokratische Wahl legitimieren zu lassen. Doch wurde der Wahlkampf durch die Reichsregierung zu ihren eigenen Gunsten massiv beeintr\u00e4chtigt. Am 4. Februar hatte Hindenburg die \u201eVerordnung des Reichspr\u00e4sidenten zum Schutz des deutschen Volkes\u201c erlassen, mit der Einschr\u00e4nkungen der Presse- und Versammlungsfreiheit erm\u00f6glicht wurden. In Sachsen wurden zum Beispiel ab dem 21. Februar alle Demonstrationen der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) untersagt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-449x205.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2152\" width=\"836\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-449x205.png 449w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-290x132.png 290w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-940x429.png 940w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-768x351.png 768w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-1536x701.png 1536w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-2048x935.png 2048w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Reichstagsbrand-Teil-1-Kopie-ausschn-211x96.png 211w\" sizes=\"(max-width: 836px) 100vw, 836px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Titel der Ausgabe der <em>Zittauer Nachrichten <\/em>vom 28. Februar 1933.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem in der Nacht vom 27. zum 28. Februar das Reichstagsgeb\u00e4ude in Berlin durch einen Brand weitgehend zerst\u00f6rt wurde, erlie\u00df der Reichspr\u00e4sident noch am selben Tag eine weitere Verordnung, die die B\u00fcrgerrechte der Weimarer Verfassung suspendierte. Auf dieser Grundlage nahm die \u201eSturmabteilung\u201c (SA) der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei (NSDAP), die neben anderen NSDAP-nahen Organisationen tags zuvor als Hilfspolizei zugelassen worden war, in den ersten Stunden des 28. Februar mehrere tausend Menschen fest \u2013 vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und linke Intellektuelle. Unter dem Eindruck der Verfolgung politischer Gegner der NSDAP war die Wahl zum 8. Deutschen Reichstag am 5. M\u00e4rz 1933 keine freie und demokratische Entscheidung mehr. Und trotzdem ist es wichtig zu betonen, dass eine Mehrheit der zur Wahl berechtigten Menschen im Reichsgebiet ihre Stimme der Partei Adolf Hitlers gab. In Zittau nahmen 88,6 Prozent der Wahlberechtigten teil. Von ihnen w\u00e4hlten 57,7 Prozent die NSDAP. Die Partei steigerte damit ihre Stimmenzahl seit der letzten Reichstagswahl im November 1932 von 7072 auf 11799.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-367x304.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2153\" width=\"840\" height=\"696\" srcset=\"https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-367x304.png 367w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-266x220.png 266w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-833x690.png 833w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-768x636.png 768w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-1536x1273.png 1536w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-2048x1697.png 2048w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Wahlergebnisse-Zittau-Kopie-181x150.png 181w\" sizes=\"(max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Ergebnisse der Wahlen zum 8. Deutschen Reichstag in Zittau, ver\u00f6ffentlicht in <em>Zittauer Nachrichten <\/em>vom 6. M\u00e4rz 1933.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>8. M\u00e4rz 1933 in Zittau<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00dcber bemerkenswerte Vorg\u00e4nge\u201c wusste die <em>Zittauer Morgenzeitung <\/em>wenige Tage nach der Wahl, am 9. M\u00e4rz 1933 zu berichten. Tags zuvor hatten \u201estarke Polizeikr\u00e4fte\u201c um 15:30 Uhr die \u201eVolksbuchhandlung\u201c und \u201edas Volkshaus\u201c besetzt. Beide Einrichtungen wurde nach Waffen und \u201eZersetzungsschriften\u201c durchsucht. Parteimitglieder der SPD oder KPD waren in keiner der beiden Einrichtungen angetroffen worden. Im Nachgang der polizeilichen Ma\u00dfnahme st\u00fcrmten Angeh\u00f6rige der SA beide Orte und besetzten diese ebenfalls. Sie entfernten u.a. \u201eFahnen, Bilder, Zeitungsb\u00e4nde, B\u00fccher, Propagandamaterial\u201c und trugen diese in einem langen Zug \u201eunter Vorantritt einer Spielabteilung\u201c zur oberen Neustadt. Hier bildeten sie zwischen Herkulesbrunnen und dem Marstallgeb\u00e4ude (heute besser bekannt als Salzhaus) \u201eein geschlossenes Karree, in dessen Mitte aus dem im Volkshaus und der Volksbuchhandlung gefundenen Material ein Scheiterhaufen errichtet wurde. SA-Leute brannten den Papiersto\u00df an und warfen dann einzelne rote Fahnen, Flaggen, Flugbl\u00e4tter, Plakate, Ebert-Bilder, Volkszeitungsb\u00e4nde, eine Plakats\u00e4ule aus Pappmaschee und Zeitungsmakulatur in die Flammen.\u201c Die<em> Dresdner Nachrichten<\/em> berichteten ebenfalls am 9. M\u00e4rz \u00fcber diese B\u00fccherverbrennung und gaben an, dass etwa 1000 Menschen der Aktion beigewohnt h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Buecherverbrennung-284x304.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2154\" width=\"839\" height=\"898\" srcset=\"https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Buecherverbrennung-284x304.png 284w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Buecherverbrennung-206x220.png 206w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Buecherverbrennung-646x690.png 646w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Buecherverbrennung-140x150.png 140w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ZA-Buecherverbrennung.png 671w\" sizes=\"(max-width: 839px) 100vw, 839px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bericht \u00fcber die B\u00fccherverbrennung auf der Zittauer Neustadt am 8. M\u00e4rz 1933 in der <em>Zittauer Morgenzeitung <\/em>vom 9. M\u00e4rz 1933.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese B\u00fccherverbrennung z\u00e4hlt zu den ersten, die in der Zeit des Nationalsozialismus auf dem Gebiet des Deutschen Reiches durchgef\u00fchrt wurden. Zun\u00e4chst gab es jene fr\u00fchen und wilden Terrorakte, die vor allem der Einsch\u00fcchterung des politischer Gegner*innen dienten. Diese erfolgten in der Regel im Anschluss an die Besetzung und Durchsuchung von Einrichtungen, die der SPD, der KPD, der Gewerkschaften und anderen politischen Gegnern der Nationalsozialisten angeh\u00f6rten oder nahestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sind vor allem die vielen B\u00fccherverbrennungen um den 10. Mai 1933 bekannt. Damals hatte es reichsweit organisierte \u201eAktionen wider den undeutschen Geist\u201c gegeben, bei denen Studierende in vielen Universit\u00e4tsst\u00e4dten eine bestimmte Auswahl deutschsprachiger Literatur verbrannten. Im Rahmen dieser Aktionen kam es zu St\u00f6rungen des Unterrichts, zu Bel\u00e4stigung und N\u00f6tigung von Lehr- und Universit\u00e4tspersonal sowie anderer Studierender. B\u00fccher wurden in gro\u00dfer Zahl aus den Universit\u00e4ten geraubt und auf einem nahegelegenen prominenten Platz in aller \u00d6ffentlichkeit und im Beisein schaulustiger Massen verbrannt. \u00dcber diese politisch organisierten Formen hinaus fanden in der Zeit des Nationalsozialismus auch Verbrennungen von Literatur zu verschiedenen Anl\u00e4ssen statt, etwa bei Sonnenwendfeiern. In der Auswahl der Literatur orientierten sich diese Aktionen an jenem im Mai. <\/p>\n\n\n\n<p>In Sachsen fanden vorrangig Verbrennungen des ersten, \u201ewilden\u201c Typs statt, wobei die in Dresden, Freital, Zittau und Zwickau am 8. und in Leipzig am 9. M\u00e4rz den Anfang machten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-449x292.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2155\" width=\"839\" height=\"546\" srcset=\"https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-449x292.png 449w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-290x189.png 290w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-940x612.png 940w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-768x500.png 768w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-1536x1000.png 1536w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-2048x1333.png 2048w, https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/osmtools.de_easymap_temp_map480260257_orig-211x137.png 211w\" sizes=\"(max-width: 839px) 100vw, 839px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Orte der B\u00fccherverbrennung in Sachsen. Karte erstellt mit Open Street Maps.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend bei den fr\u00fchen B\u00fccherverbrennungen Anfang M\u00e4rz vor allem politische Schriften und Materialien verbrannt wurden, war die Auswahl der Literatur, die in der im Mai erfolgten \u201eAktion wider den undeutschen Geist\u201c vernichtet wurden, durch hierf\u00fcr vorbereitete Listen beeinflusst. Vordenker war der nationalsozialistische Bibliothekar Wolfgang Hermann (1904-1945). 1933 leitete er die Zentralstelle f\u00fcr das deutsche Bibliothekswesen in Berlin. Bereits in den Jahren vor 1933 hatte Hermann Listen \u00fcber jene Literatur zusammengestellt, die seiner Ansicht nach nicht mit dem nationalsozialistischen Gedankengut vereinbar waren. Die \u201eDeutsche Studentenschaft\u201c, eine gemeinsame Vertretung der Studierenden im Deutschen Reich, griff bei ihren Aktionen im Mai auf die von Wolfgang Hermann erstellte \u201eListe des sch\u00e4dlichen und unerw\u00fcnschten Schrifttums\u201c zur\u00fcck. Waren die B\u00fccherverbrennungen 1933 eher von unten, durch die SA oder Student*innen organisiert worden, etablierte sich in der Zeit nach 1933 ein System zentraler Steuerung der Zensur und der \u00dcberwachung der \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Literatur, das insbesondere die Bibliotheken betraf.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Geschichte der Zittauer Bibliotheken im Nationalsozialismus<\/h2>\n\n\n\n<p>1933 gab es in Zittau zwei Bibliotheken, die sich in Gemeindehand befanden: eine wissenschaftliche Zittauer Stadtbibliothek, die sich damals im Heffterbau in der Klosterstra\u00dfe 3 befand, sowie die 1909 gegr\u00fcndete Volksb\u00fccherei im Dornspachhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sogenannte Volksb\u00fcchereien, die anders als wissenschaftliche oder amtliche Bibliotheken der breiten \u00d6ffentlichkeit zur Verf\u00fcgung stehen sollten, sind auf dem Gebiet des heutigen Deutschland seit 1828 bekannt. Am 24. Oktober desselben Jahres hatte Karl-Benjamin Preusker (1786-1871) im s\u00e4chsischen Gro\u00dfenhain die erste Einrichtung dieser Art gestiftet, um die Bildung der unteren Volksschichten zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>1931, als die Weltwirtschaftskrise das Deutsche Reich mit voller Wucht traf, wurden Nutzer*innen der meist kostenlosen Volksb\u00fcchereien in der Oberlausitz befragt, was ihnen diese Orte bedeuten. Im Folgenden eine Auswahl an Statements, die einem Bericht \u00fcber die Nutzung<sup>[1]<\/sup> entnommen sind:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Im Lesen finde ich Bereicherung f\u00fcr mein Innenleben, aber auch Bereicherung f\u00fcr mein Wissen, welches bei mir noch sehr viele L\u00fccken aufweist. Lesen brauche ich genauso f\u00fcr den Geist, wie Nahrung f\u00fcr den K\u00f6rper, und das finde ich alles in der Volksb\u00fccherei. Wenn das nun auch noch aufh\u00f6ren sollte, das w\u00fcrde f\u00fcr mich [eine] Katastrophe bedeuten.<\/p>\n<cite>Kleinrentnerstochter (36 Jahre)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Selbst besitze ich keine B\u00fccher.<\/p>\n<cite>Stellmacher (21 Jahre)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Ein Buch neueren Verlages w\u00fcrde ich wohl in einer Privat-Leihb\u00fccherei auch nicht erhalten.<\/p>\n<cite>Buchhalter (32 Jahre)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Gehen diese bildenden Werte verloren, so ist das gesamte Volk doppelt arm. Dass sich in der B\u00fccherei alle Gesellschaftsklassen finden, die so oft gepriesene Volksgemeinschaft hier einmal zu finden ist, und Leitung und Personal der B\u00fccherei dieser Gemeinschaft f\u00f6rderlich sind, das gef\u00e4llt mir ganz besonders.<\/p>\n<cite>Schlossers (46 Jahre)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Die Volksb\u00fccherei bedeutet f\u00fcr mich keine Unterhaltung, damit einem die Zeit vergeht, sondern bei Ausnutzung derselben Aufkl\u00e4rung auf allen Gebieten der Wissenschaft. W\u00fcnschte nur, dass sich das ganze Volk diesem Sinne beteiligen w\u00fcrde.<\/p>\n<cite>Litograph (56 Jahre)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>2,45 Prozent der rund 40.000 Bewohner*innen der Stadt Zittau nutzten in der Zeit zwischen April 1931 und M\u00e4rz 1932 das Angebot der Volksb\u00fccherei. Das hei\u00dft, 980 Leser*innen liehen jeweils mindestens ein Buch aus: unter ihnen 58 Kinder bis 14 Jahre sowie 150 Jugendliche bis 18 Jahre. Insgesamt f\u00fchrte die St\u00e4dtische Volksb\u00fccherei in Zittau zu diesem Zeitpunkt \u00fcber 12000 B\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nationalsozialisten erkannten die Bedeutung dieser Einrichtungen f\u00fcr die Volksbildung, doch verfolgten sie damit eigene ideologische Ziele. In diesem Sinne f\u00f6rderten sie den Ausbau bestehender und den Neubau weiterer Volksb\u00fcchereien. Ihren eigenen Erhebungen zufolge gab es 1935 in \u00fcber 15.000 Orten im Deutschen Reich derartige Einrichtungen. Z\u00e4hlt man die Bev\u00f6lkerung dieser Orte zusammen, standen die Angebote der Volksb\u00fcchereien 45,6 Millionen Reichsb\u00fcrger*innen zur Verf\u00fcgung, das entsprach ca. 70 Prozent der damaligen Gesamtbev\u00f6lkerung. Ab 1934 unterstanden diese in der Gestaltung ihres Angebots den Anweisungen des Reichs- und Preu\u00dfischen Ministeriums f\u00fcr Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Erste S\u00e4uberungen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Am 14. M\u00e4rz 1933 teilte der damalige Oberb\u00fcrgermeister von Zittau, Walter Zwingenberger (1880-1963) dem Leiter von Museum und Bibliothek mit, dass der NSDAP-Stadtrat Dr. Wilhelm Rehbach von ihm bevollm\u00e4chtigt worden sei, \u201edie Stadtbibliothek, die Volksb\u00fccherei und Lesehalle auf das Vorhandensein antinationaler B\u00fccher und Zeitschriften nachzupr\u00fcfen.\u201c<sup>[2]<\/sup>  W\u00e4hrend aus der \u00f6ffentlichen Volksb\u00fccherei und der Lesehalle alles \u201eunerw\u00fcnschte\u201c Schriftgut entfernt wurde, galten f\u00fcr die Stadtbibliothek andere Regeln. Zu Studienzwecken und unter besonderer Aufsicht waren hier \u201ej\u00fcdische und marxistische\u201c Literatur weiterhin vorzuhalten.<sup>[3]<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Bis Anfang 1934 etablierten sich im Deutschen Reich Stellen, die f\u00fcr die Lenkung des B\u00fcchereiwesens die Hoheit an sich zogen. Bereits seit Ende M\u00e4rz 1933 waren im Rahmen der sogenannten Gleichschaltung durch verschiedene Gesetze staatliche Aufgaben der L\u00e4nder auf politische Strukturen des Reiches \u00fcbertragen worden. Entsprechende Stellen auf L\u00e4nder- und Kreis- sowie kommunaler Ebene waren den \u00fcbergeordneten Stellen jeweils verantwortlich. Somit galten Entscheidungen der Reichsministerien ab Anfang 1934 auch f\u00fcr die einzelnen Kommunen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar 1934 stellten das Ministerium des Inneren und das Ministerium f\u00fcr Volksbildung die Volksb\u00fcchereien unter ihre staatliche Aufsicht.<sup>[4]<\/sup> Diesen Einrichtungen fiel in ihren Augen n\u00e4mlich \u201eeine wichtige Aufgabe in der Erziehung des deutschen Menschen zu geistiger und seelischer Erneuerung im nationalsozialistischen Geiste zu.\u201c F\u00fcr die Bibliotheken der Stadt Zittau wurde die Staatliche Kreisberatungsstelle f\u00fcr Volksb\u00fcchereiwesen in Bautzen zust\u00e4ndig, die wiederum der S\u00e4chsischen Landesfachstelle unterstellt war. Diese Kreisfachstelle konnte nun die Best\u00e4nde der B\u00fcchereien jederzeit einer Pr\u00fcfung unterziehen und war bei der Beschaffung neuer Literatur zwingend zu konsultieren. Auch wenn es bereits Pr\u00fcfungen der Best\u00e4nde gegeben hatte, betonten die Ministerien, dass es immer wieder solcher Pr\u00fcfungen bed\u00fcrfe. Ziel war es <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>alles artfremde und volkszerst\u00f6rende Schrifttum, insbesondere die marxistische, pazifistische, liberalistisch-demokratische Literatur, aber auch die durch die Entwicklung \u00fcberholten Werke zur Staatsb\u00fcrgerlichen Erziehung und \u00e4hnliches [&#8230;] zu entfernen.<\/p>\n<cite>Bekanntmachung des Ministeriums d. Inneren und des Ministeriums f. Volksbildung, vom 25. Januar 1934<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Im April 1934, ein gutes Jahr nach dem Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten, gab die Bibliotheksleitung an, dass sich nur noch 7535 B\u00fccher im Bestand der Volksb\u00fccherei befinden. Ohne Kenntnis \u00fcber die Zahl der Neuanschaffungen in der Zeit, zu denen keine Zahlen vorliegen, bedeutet das, dass fast 40 Prozent des Bestandes von Anfang 1933 durch \u201eS\u00e4uberungen\u201c ausgesondert worden sind.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Fall des Direktors Dr. Reinhard M\u00fcller<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>1933 wurde die Bibliothek in Personalunion vom Museumsleiter Dr. Reinhard M\u00fcller geleitet. In der oben zitierten Bekanntmachung hatten die beiden Reichsministerien die Kommunen auch aufgefordert, bei der Besetzung der Stellen der Bibliotheksleitung besonderes Augenmerk auf die \u201epolitische Zuverl\u00e4ssigkeit\u201c der Mitarbeiter*innen zu legen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden wurde M\u00fcller ein an sich gew\u00f6hnlicher Verkauf von Dubletten aus dem Bestand der Stadtbibliothek zum Verh\u00e4ngnis. Im November 1933 hatte sich Erich Carlsohn, der Inhaber der gleichnamigen Buchhandlung mit angeh\u00f6rigem Antiquariat in Leipzig an die Stadtbibliothek Zittau gewandt, um von ihr angebotene Dubletten zu erwerben.<sup>[5]<\/sup> Der Verkauf war durchaus im Sinne der Bibliothek, da erheblicher Platzmangel herrschte und f\u00fcr einen notwendigen Ausbau oder auch die Anschaffung neuer B\u00fccher immer weniger Mittel zur Verf\u00fcgung standen. Es wurde vereinbart, dass die Firma Carlsohn alle Dubletten der Bibliothek f\u00fcr eine Zahlung von 200 RM und eine Gutschrift \u00fcber 150 RM f\u00fcr Bestellungen aus dem eigenen Bestand \u00fcbernehmen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende Februar 1934 schaltete sich Stadtrat Kurt G\u00fcnzel ein, der seit Dezember 1933 durch OB Zwingenberger angestellt worden war. G\u00fcnzel monierte, dass der Verkauf der B\u00fccher viel zu g\u00fcnstig erfolgt und nicht durch die Stadt genehmigt worden sei. In seiner Sitzung am 27. Februar 1934 nahm der Stadtrat zu Zittau den Vorgang zur Kenntnis und forderte M\u00fcller zur Stellungnahme auf. M\u00fcller legte ausf\u00fchrlich dar, dass ein Verkauf der Dubletten bereits vor seiner Zeit vorbereitet und auch von ihm mit den zust\u00e4ndigen Dezernenten der Stadt im Laufe des Jahres 1933 abgestimmt worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun nimmt die Geschichte eine f\u00fcr die Zeit eigent\u00fcmliche Wende: Der aktuelle Dezernent, Stadtrat Kretschmar gab darauf hin zur Kenntnis, dass ihm der Verkauf nicht bekannt gewesen sei. Kretschmar wies au\u00dferdem darauf hin, dass ihn \u201eschon der Name Carlsohn [\u2026] stutzig gemacht\u201c haben w\u00fcrde.<sup>[6]<\/sup> F\u00fcr den Bibliotheksleiter M\u00fcller war die Angelegenheit damit keine Frage der Wirtschaftlichkeit mehr, sondern eine der \u201epolitischen Zuverl\u00e4ssigkeit\u201c. Sie gewann dadurch eine besondere Dringlichkeit. Das Schreiben Kretzschmars ist auf den 7. M\u00e4rz datiert. Bereits am 9. M\u00e4rz lag einem Brief des Leipziger Buchh\u00e4ndlers Carlsohn eine kleine bedruckte Karte bei, die ausf\u00fchrte, dass er \u201e<strong>rein arischer<\/strong> Abstammung\u201c sei. (Hervorhebung im Original) Die Familie sei vor 150 Jahren aus Schweden eingewandert und seitdem eine Dynastie von s\u00e4chsischen Lehrern und Beamten.<sup>[7]<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Am 14. M\u00e4rz 1934 beriet der Stadtrat erneut \u00fcber den Fall und dabei wurde auch auf die angebliche j\u00fcdische Herkunft des K\u00e4ufers aus Leipzig hingewiesen. Der Rat diskutierte daraufhin, ob er den Verkauf r\u00fcckg\u00e4ngig machen und die bereits versandten B\u00fccher zur\u00fcckfordern solle. Doch die Rechtslage wurde als ung\u00fcnstig eingesch\u00e4tzt und der Vorgang deshalb zu den Akten gelegt.<sup>[8]<\/sup> Im Ausschuss f\u00fcr die Stadtb\u00fccherei und das Stadtmuseum wurde der Fall am 19. M\u00e4rz 1934 noch einmal beraten. In der Sitzung wurde ausf\u00fchrlich dargelegt, in welch schlechtem Zustand die B\u00fccher gewesen seien, die folglich zu einem guten Preis nach Leipzig verkauft worden w\u00e4ren. Wiederum wurde als Gegenargument die angebliche j\u00fcdische Herkunft Erich Carlsohns angef\u00fchrt.<sup>[9]<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Leiter von Museum und Bibliothek Dr. Reinhard M\u00fcller hatte der Vorfall eine gravierende Konsequenz. Er wurde noch im selben Monat wegen \u201epers\u00f6nlicher Verfehlung\u201c seines Amtes enthoben. Dagegen legte er kurz darauf Beschwerde ein, die er mit einem Zitat Adolf Hitlers schloss.<sup>[10]<\/sup><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Kreisfachstelle f\u00fcr Volksb\u00fcchereiwesen und ihr Leiter Kurt Marx<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Vor Ort war nun die Bibliothekarin Fr. Posern mit der Interimsleitung der Bibliothek betraut, die von einem Berater, dem Studienrat Gottlebe unterst\u00fctzt wurde. In ihrer Arbeit wurden solche ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter*innen der Bibliotheken durch regelm\u00e4\u00dfig erscheinende \u201eFachzeitschriften\u201c beraten. Darunter etwa <em>Der Vorposten<\/em>, das amtliche Mitteilungsblatt der staatlichen Landesfachstelle f\u00fcr Volksb\u00fcchereiwesen Sachsen. Diese erschien monatlich, musste von allen B\u00fcchereien bezogen werden und widmete sich der weltanschaulichen Schulung. Daneben gab es <em>Die B\u00fccherei<\/em> und die <em>Schulungsbriefe<\/em>, die nationalsozialistisches Gedankengut f\u00fcr die Bibliotheksmitarbeiter*innen aufbereiteten, sowie die <em>B\u00fccherkunde, <\/em>die Neuerscheinungen zu den entsprechenden Themen besprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei politischen Fragen war au\u00dferdem die Staatliche Kreisfachstelle f\u00fcr Volksb\u00fcchereiwesen in Bautzen, in persona ihr Leiter Kurt Marx einzubeziehen. Dieser wies die Mitarbeiter*innen der Bibliotheken, die in seinem Zust\u00e4ndigkeitsbereich lagen, in einem Rundschreiben im August 1935 an, die \u201eS\u00e4uberung\u201c der Bibliotheken kontinuierlich fortzusetzen.<sup>[11]<\/sup> Marx schrieb: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>\u201eIn einer Zeit so tiefgreifender innerer Umstellung m\u00fcssen wir immer wieder an jedes einzelne Buch die Frage stellen, ob es seinem ganzen Geiste nach noch f\u00fcr die heutige B\u00fcchereiarbeit, die einen neuen deutschen Menschen formen helfen will, geeignet ist.\u201c <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Am laufenden Band schickte Marx Listen \u201everbotener und unerw\u00fcnschter Literatur\u201c, die von den Bibliotheken auszusortieren waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Hin und wieder fand sich am Ende einer solchen Liste der Hinweis, dass ein Verbot einer Schrift wieder aufgehoben wurde und diese wieder aufzunehmen sei. Von Anfang an waren die Bibliotheken angehalten, die Schriften nicht direkt zu vernichten, sondern f\u00fcr einen noch zu bestimmenden Gebrauch unter Verschluss aufzubewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Neuanschaffungen musste die Stadt Zittau bei der staatlichen Kreisfachstelle in Bautzen um Genehmigung bitten. Marx gab dann entsprechende R\u00fcckmeldung, welche Titel bestellt werden durften, welche nicht. Beispielsweise erhielt die Stadt im November 1935 auf ihre zuvor eingereichte Liste hin die Antwort, dass einige Titel nicht genehmigt werden k\u00f6nnten. Dies erfolgte f\u00fcr gew\u00f6hnlich ohne Begr\u00fcndung, bzw. wurde vorausgesetzt, dass allen klar sein m\u00fcsse, warum diese Titel nicht zugelassen sein w\u00fcrden. Nicht immer jedoch waren die Entscheidungen f\u00fcr alle Beteiligten nachvollziehbar. So fand sich im November 1935 unter den abgelehnten Titel auch ein Buch, das im Kern nationalsozialistische Propaganda f\u00fcr die Teilnahme an nationalsozialistischen Jugendorganisationen enthielt. Auf erneute R\u00fcckfrage der Stadt hin, f\u00fchrte Marx dann in seiner Antwort f\u00fcr jeden einzelnen Fall die Grundlage seiner Entscheidung aus. Bei der Propagandaschrift wies er darauf hin, dass diese \u201ein den ma\u00dfgebenden nationalsozialistischen Zeitschriften so vernichtend besprochen worden\u201c sei, dass er keiner Bibliothek erlauben werde, \u201eein solches Konjunkturerzeugnis anzuschaffen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Stadtrat G\u00fcnzel ein eher ungl\u00fccklicher Fall, da er unter Umst\u00e4nden Zweifel an seiner politischen Eignung zu wecken vermochte. In seinem Schreiben hatte deshalb vorsorglich darauf hingewiesen, dass die Literatur auf Empfehlung des Zentralverlages der NSDAP hin ausgew\u00e4hlt worden war. Marx wies nun seinerseits Anfang Januar 1936 alle B\u00fcchereien an, die Auswahl der B\u00fccher zur Anschaffung nur noch mit Listen zu treffen, die durch seine Stelle zur Verf\u00fcgung gestellt worden waren. Im Anschluss folgten in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Listen, die Anschaffungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten nahelegten: \u201eB\u00fccher f\u00fcr die Hitler-Jugend\u201c, B\u00fccher f\u00fcr die deutsche Frau\u201c usw. usf. <\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen war der Bestand der Volksb\u00fccherei wieder auf 9500 B\u00e4nde gewachsen. Allerdings gingen die Zahlen der Leser*innen drastisch runter. Zwischen M\u00e4rz 1934 und April 1935 hatten lediglich 280 Einwohner*innen ein Buch ausgeliehen. Da die Zahlen auch danach&nbsp;deutlich \u201eunter dem Reichsdurchschnitt\u201c blieben, sah sich die Stadt Zittau Mitte des Jahres 1936 gezwungen, etwas zu unternehmen. Der Oberb\u00fcrgermeister Walter Zwingenberger bat deshalb den Leiter der Kreisfachstelle f\u00fcr Volksb\u00fcchereiwesen Marx um Hilfe.<sup>[12]<\/sup> Dieser strebte eine Neuausrichtung der Zittauer Bibliothek an.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Grenzlandbibliothek<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der 1888 in Ro\u00dfwein geborene Kurt Marx, hatte neuere Sprachen, Germanistik, Geschichte, P\u00e4dagogik studiert und 1920 das Staatsexamen f\u00fcr den h\u00f6heren Schuldienst abgelegt. Das Amt des Leiters der S\u00e4chsischen Kreisberatungsstelle f\u00fcr das volkst\u00fcmliche B\u00fcchereiwesen wurde 1928 in Bautzen geschaffen und ihm \u00fcbertragen. Marx hatte sich bereits als Leiter der Bautzener Stadtb\u00fccherei einen Namen damit gemacht, dass er die Volksbibliothek zu neuem Glanz f\u00fchren wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>In Orientierung am amerikanischen B\u00fcchereiwesen, das durch besonders hohe Nutzungszahlen f\u00fcr sich spreche, wollte er die hiesigen Bibliotheken in den Dienst der Leserpers\u00f6nlichkeit stellen. Dabei hatte er Mitte der 1920er Jahre schon daran gedacht, dass die Volksb\u00fcchereien zum \u201eAufbau des deutschen Volkstums, der deutschen Volksgemeinschaft\u201c beitragen solle.<sup>[13]<\/sup> Damit richtete er sich dezidiert gegen einen von ihm wahrgenommenen \u201ekulturellen Niedergang [\u2026], der sich zum einen in Kunst und Architektur bemerkbar mache und zum anderen zu einer wissenschaftlichen Spezialisierung f\u00fchre, bei der gegenseitiges Verstehen nicht mehr m\u00f6glich\u201c sei. Auch Marx arbeitete wie der Berliner Bibliothekar Wolfgang Hermann bereits vor 1933 mit Listen \u00fcber nationalsozialistische Literatur, die er zur Verf\u00fcgung zu stellen anstrebte.<sup>[14]<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Kurt Marx sah die Volksb\u00fcchereien in der s\u00e4chsischen Oberlausitz in der Rolle von sogenannten Grenzlandbibliotheken. Er war \u00fcberzeugt, dass diese Einrichtungen ihre Aufgabe in der Ausbildung der Bev\u00f6lkerung zum Kampf an der \u00e4u\u00dferen Grenze zur Tschechoslowakei sowie bei der innere Abgrenzung von der wendischen\/sorbischen Kultur und deren Vertreter hatten. Dabei hatte er sehr klare Vorstellungen wie dieser Aufgabe nachzugehen sei. Im Oktober 1936 ver\u00f6ffentlichte er seine kulturpolitischen Ansichten anl\u00e4sslich der \u201eWoche des deutschen Buches\u201c in einem Artikel \u00fcber \u201eGrenzlandarbeit in den Oberlausitzer B\u00fcchereien\u201c, der in den <em>Zittauer Nachrichten<\/em>, die \u201eNS-Tageszeitung f\u00fcr die Oberlausitz\u201c erschien.<sup>[15]<\/sup> Darin f\u00fchrte er unter anderem aus:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Der Bestand der Grenzb\u00fccherei soll die Haltung pflegen, ohne die nun einmal ein Volkstumskampf nicht durchgefochten werden kann, n\u00e4mlich Stolz auf das eigene Volkstum, Wehrhaftigkeit, Willensst\u00e4rke, Heimattreue, Heimatkenntnis, Volksverbundenheit, Treue zum F\u00fchrer, Gottesglaube, Opferbereitschaft[\u2026].<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Marx empfiehlt dabei insbesondere die sch\u00f6ne Literatur, den Roman und die Dichtung, denn <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p> sie durchdringen den Menschen am sichersten mit Hilfe des Erlebnisses. Dieses aber l\u00f6\u00dft allein der Roman, die Dichtung, die Erz\u00e4hlung aus. [\u2026] So pflegt die B\u00fccherei des Grenzlandes den Weltkriegsroman, den Bauern- und Heimatroman, die Romane der Bewegung und ihrer Toten, der SA, HJ usf., den Roman des Grenz- und Auslandsdeutschentums, \u00fcberhaupt, die Dichtung v\u00f6lkischen Gehalts.<\/p>\n<cite>Marx, Grenzlandarbeit in den Oberlausitzer B\u00fcchereien<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und wie er sich bereits Mitte der 20er Jahre gegen Sachliteratur ausgesprochen hatte, so hie\u00df es auch in diesem Beitrag: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\">\n<p>Soweit belehrende B\u00fccher (d.h. solche, die sich haupts\u00e4chlich an den Verstand wenden) eingesetzt werden, sollen Sie [\u2026] leicht verst\u00e4ndlich sein. <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne gestaltete er als Leiter der Staatlichen Kreisfachstelle f\u00fcr Volksb\u00fcchereien in der Oberlausitz die Bibliotheken der Region und auch jene Volksb\u00fccherei in Zittau. Sein Amt hatte er bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges inne. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee Anfang Mai 1945 floh er in die Hansestadt Hamburg, wo er wiederum eine Anstellung in der Bibliothek erhielt. Die hierf\u00fcr ben\u00f6tigte Bescheinigung, dass er politisch unbelastet sei, konnte er beschaffen. Seiner Personalakte ist zu entnehmen, dass er zu keiner Zeit Mitglied einer politischen Partei war.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Fazit: Die Bibliothek in der totalit\u00e4ren Diktatur<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im November 1936 bat die Bibliothek in einem Schreiben an Stadtrat G\u00fcnzel, um die Bereitstellung gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Summen f\u00fcr die Beschaffung neuer Literatur. Im Rahmen einer erneuten \u201eS\u00e4uberung\u201c durch die Staatliche Kreisfachstelle waren wiederum \u201eweit \u00fcber 1000 B\u00fccher\u201c entfernt worden. Der Restbestand, so hie\u00df es in dem Schreiben, mache \u201eeinen nicht gerade \u00fcberzeugenden Eindruck\u201c.<sup>[16]<\/sup> <\/p>\n\n\n\n<p>So geht es auch in den Folgejahren weiter. Die Bedeutung, die den Volksb\u00fcchereien von politischer Seite zugedacht wird, macht ihre dauerhafte Umgestaltung notwendig, da sie sich jeweils an den aktuellen Entwicklungen auszurichten hatte. Nach dem M\u00fcnchner Abkommen im September 1938, in dem Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Italien dem Deutschen Reich die Annexion eines Teils der Tschechoslowakei zugestanden, besetzte die Wehrmacht ab dem 1. Oktober dieses Territorium.  Die Zittauer Bibliothek lag damit und vor allem nach dem am 1. September 1939 erfolgten Einmarsch in Polen nicht mehr im Grenzland. Ab 1939\/40 wurde sie deshalb auf den vom Deutschen Reich begonnenen Weltkrieg wiederum grundlegend neu ausgerichtet. Dann sollte sie Widerstandskraft und Kampfgeist der Bev\u00f6lkerung st\u00e4rken. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die Alliierten 1945 das Deutsche Reich niedergerungen und besetzt hatten, begannen auch in den Bibliotheken, sofern sie noch bestanden, die Aufr\u00e4umarbeiten. Die auf die Verbreitung des nationalsozialistischen Gedankenguts ausgerichteten B\u00fcchereien mussten nun wiederum davon \u201eges\u00e4ubert\u201c werden. Dies erfolgte in Zittau im Januar und Februar 1946 durch einen Ausschuss aus je einem Vertreter des antifaschistischen Aktionsausschusses, der KPD, der SPD, des Schulamtes und des Kulturamtes. Nachdem das Ergebnis durch einen Offizier der sowjetischen Besatzungskommandantur \u00fcberpr\u00fcft worden war, durften die beiden st\u00e4dtischen Bibliotheken Im februar 1946 wieder f\u00fcr die Leser*innen \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>1951 wurden die beiden st\u00e4dtischen Bibliotheken zusammengef\u00fchrt und in der Bahnhofsstra\u00dfe 10\/12 untergebracht. Seit 1954 tr\u00e4gt diese B\u00fccherei den Namen Christian-Weise-Bibliothek Zittau. 2002 zog sie an ihren heutigen Standort im Salzhaus an der Neustadt um.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n[1] Stadtarchiv Zittau, IIa-VI-b5-Nr.1-Bd.3-F.546, S. 9-9e.<br>[2] Ebd., IIa-VI-b3-Nr.2-Bd.10-F.542, S. 22.<br>[3] Ebd., S. 25.<br>[4] Ebd., IIa-VI-b5-Nr.1-Bd.1-F.546, S. 13.<br>[5] Ebd., IIa-VI-b3-Nr.2-Bd.8-F.542, S. 5.<br>[6] Ebd., S. 18.<br>[7] Ebd., S. 19.<br>[8] Ebd., S. 20.<br>[9] Ebd., S. 21.<br>[10] Ebd., IIe-II-Nr.650.<br>[11] Ebd., IIa-VI-b5-Nr.1-Bd.3-F.546, S. 56.<br>[12] Ebd., IIa-VI-b3-Nr.2-Bd.10-F.542, S. 57-58.<br>[13] Kurt Marx, Volksb\u00fccherei und Stadtb\u00fccherei. Von Stadtbibliothekar Kurt Marx\u201c, in: <em>Bautzner Nachrichten<\/em>, vom 9. Mai 1925.<br>[14] Ronny Langer, Der Nationalsozialismus und das Potenzial der Volksb\u00fccherei. Das Beispiel der Staatlichen Kreisfachstelle f\u00fcr B\u00fcchereiwesen Bautzen, in: <em>Zeitschrift f\u00fcr Bibliothekswesen und Bibliographie<\/em>, 4 (2016), S. 213-223, hier S.216. &lt;<a href=\"https:\/\/zs.thulb.uni-jena.de\/receive\/jportal_jparticle_00452617\">online<\/a>&gt;<br>[15] Kurt Marx, <em>Grenzlandarbeit in den Oberlausitzer B\u00fcchereien, in: Zittauer <\/em>Nachrichten. Die NS-Tageszeitung f\u00fcr die Oberlausitz, vom 28. Oktober 1936, S. 4, der Artikel findet sich im Original als press cut im Stadtarchiv Zittau, IIa-VI-b5-Nr.5-Bd.1-F.144, o.S..<br>[16] Stadtarchiv Zittau, IIa-VI-b5-Nr.2-Bd.2-F.546, S. 78.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht auf den 28. Februar 1933 wurde das Reichstagsgeb\u00e4ude in Berlin durch einen Brand weitgehend zerst\u00f6rt. Am n\u00e4chsten Morgen erlie\u00df der Reichspr\u00e4sident  eine Verordnung, die die B\u00fcrgerrechte der Weimarer Verfassung suspendierte. 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