{"id":724,"date":"2020-05-31T12:00:00","date_gmt":"2020-05-31T10:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/?p=724"},"modified":"2021-12-08T10:02:47","modified_gmt":"2021-12-08T09:02:47","slug":"kein-ende-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hillerschevilla.de\/netzwerkstatt-blog\/kein-ende-der-geschichte\/","title":{"rendered":"Kein Ende der Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist keinen Monat her, da wurde in Deutschland dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges gedacht. Corona-bedingt war es dieses Jahr ein etwas einsames Erinnern. Die Verantwortung, sich mit der Vergangenheit (auch der j\u00fcngsten) auseinanderzusetzen, lag damit bei jeder und jedem Einzelnen. Nachdenkliche und mahnende Beitr\u00e4ge, die gegen das Vergessen der Opfer faschistischer Gewalt im 20. Jahrhundert (und auch der Opfer von Hanau, Halle und Kassel) anschrieben, hatten es in der Flut neuer Meldungen zur Pandemieentwicklung etwas schwer.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht so schlimm? Genug erinnert? Im Gedenken sind wir doch eh schon Weltmeister?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forderungen nach einem Ende der Besch\u00e4ftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands ebben nicht ab &#8211; zwischen 25 und 32 Prozent der Deutschen bef\u00fcrworteten in den letzten Jahren\u00b9 einen solchen &#8222;Schlussstrich&#8220;. Manche Umfragen sprechen von bis zu 53 Prozent.\u00b2 Dabei ist das Bild schon falsch: als ob man im Umgang mit Geschichte eine mathematisch exakte Rechnung aufstellen, sie mit einem eindeutigen Ergebnis beenden und dieses unterstreichen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine exakte Wissenschaft ist Geschichte nun bekanntlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielmehr klafft im Bem\u00fchen um die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen in Deutschland ein Riss: das Gedenken in der \u00d6ffentlichkeit auf der einen Seite, das Leugnen im Privaten auf der anderen Seite.<\/p>\n\n\n\n<p>Fragt man Bundesb\u00fcrger*innen nach ihrem Wissen und ihren Einsch\u00e4tzungen zur NS-Zeit, entsteht ein verzerrtes Bild. So sch\u00e4tzten die Befragten in der j\u00fcngsten MEMO-Studie der Uni Bielefeld und der Stiftung EVZ, dass mehr als die H\u00e4lfte der deutschen Bev\u00f6lkerung nichts von der systematischen Ermordung von Menschen gewusst habe\u00b3. Konkret auf ihre Familie angesprochen, schreiben 32 Prozent der Befragten ihren Verwandten oder Vorfahren eine Helfer-Biografie zu. (Seri\u00f6se Sch\u00e4tzungen gehen lediglich von einigen Zehntausend Menschen aus, die potenziellen NS-Opfern geholfen haben\u2074.) Auf die Frage &#8222;Waren Vorfahren von Ihnen unter den T\u00e4tern w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus?&#8220; antworteten 68 Prozent der Studienteilnehmer*innen mit Nein.\u2075<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Art der Schuldabwehr ist nicht neu. Es war f\u00fcr die Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung nach dem Zweiten Weltkrieg leichter, sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus zu sehen, \u00fcber die Vergangenheit zu schweigen und die Erinnerung abzuwehren. Der Wunsch, mit der negativen deutschen Vergangenheit endg\u00fcltig abzuschlie\u00dfen, geht zudem nicht selten mit einem latenten Antisemitismus einher. Juden und J\u00fcdinnen wird wiederholt vorgeworfen, den Finger in die Wunde zu halten und damit eine positive Identifikation der Deutschen mit ihrer Geschichte zu verhindern.\u2076 Statt sich mit den Taten (oder dem Wegsehen) der eigenen Eltern und Gro\u00dfeltern zu befassen, werden die Opfer und deren Nachkommen angeklagt, die Erinnerung an Schuld und Scham wachzuhalten. Diese Verkn\u00fcpfung von Antisemitismus mit Erinnerungsabwehr ist in Zvi Rex&#8216; Ausspruch geb\u00fcndelt &#8222;Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.&#8220;\u2077<\/p>\n\n\n\n<p>Was folgt nun daraus? Sind die Deutschen unf\u00e4hig, aus ihrer Geschichte zu lernen?<\/p>\n\n\n\n<p>Und was hat das mit mir zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe ab Ende der 1990er-Jahre das Standardprogramm deutscher Schulbildung zum Thema Nationalsozialismus absolviert (bei Lehrer*innen, die ihre Ausbildung zu DDR-Zeiten gemacht hatten). Ich habe B\u00fccher gelesen, Dokumentationen und Spielfilme und jede Menge Schwarzwei\u00dfbilder gesehen. Nie habe ich gefragt, was meine Familie damit zu tun hatte. Und nie wurde ich von jemandem gefragt, wie und ob meine Familie damit in Zusammenhang steht. Ich erinnere mich, als Jugendliche Irgendwann doch mal vorsichtig eine Frage gestellt zu haben. In der Antwort kam ein Urgro\u00dfvater vor, von dem man stolz erz\u00e4hlen k\u00f6nne, dass er im Krieg keinen einzigen Schuss abgegeben habe, weil er nur in der Feldk\u00fcche eingesetzt worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Erz\u00e4hlungen meiner Gro\u00dfeltern dominierten andere Geschichten. Erinnerungen an die &#8222;Ankunft des Krieges&#8220; in einem schlesischen Gebirgsdorf und die Vertreibung der Einwohner*innen gen Westen. Die Unsicherheit in den letzten Kriegsmonaten, als G\u00f6rlitz ger\u00e4umt werden musste, und nat\u00fcrlich die entbehrungsreiche Nachkriegszeit mit Hunger und Mangel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ernst ist es uns Nachfahren heute mit der Aufarbeitung? Und ist mein Nicht-Nachfragen nicht auch eine Art von Verdr\u00e4ngung? Will ich die Antworten \u00fcberhaupt wissen? Damit muss ich mich besch\u00e4ftigen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ein ehrliches Erinnern und ein aufrichtiges Gedenken reicht es nicht, das Wissen \u00fcber &#8222;die Nazi-Verbrechen&#8220; wachzuhalten. Es gen\u00fcgt kein abstraktes &#8222;Die Geschichte lehrt uns, dass\u2026&#8220; Sondern wir brauchen ein konkretes Fragen: Was hat <em>mir<\/em> die Vergangenheit zu sagen? Welche Geschichte wird in meiner Familie erz\u00e4hlt und warum? Was wei\u00df ich \u00fcber die Geschichte meines Wohnortes zur NS-Zeit? Wie konnte es passieren, dass eine Demokratie gescheitert ist und was haben lokale Mitwisserschaft und konkretes Mitt\u00e4tertum mit den beispiellosen Verbrechen jener Zeit zu tun?<\/p>\n\n\n\n<p>Unter diese Fragen kann es keinen Schlussstrich geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">AHE<\/p>\n\n\n\n<p>1 Instituts f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universit\u00e4t Bielefeld: MEMO Deutschland &#8211; Multidimensionaler Erinnerungsmonitor, Studie III, 2020, S. 26; URL: <a href=\"https:\/\/www.stiftung-evz.de\/fileadmin\/user_upload\/EVZ_Uploads\/Publikationen\/Studien\/EVZ_Studie_MEMO_2020_dt_Endfassung.pdf\">https:\/\/www.stiftung-evz.de\/fileadmin\/user_upload\/EVZ_Uploads\/Publikationen\/Studien\/EVZ_Studie_MEMO_2020_dt_Endfassung.pdf<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>2 Staas, Christian: Das Ende der Selbstgewissheit, in: DIE ZEIT Nr.&nbsp;19\/2020, 29. April 2020; (Studie wurde von der ZEIT in Auftrag gegeben).<\/p>\n\n\n\n<p>3 Ebd., S. 18.<\/p>\n\n\n\n<p>4 Albert, Julia\/Tuchel, Johannes: Widerstand gegen den Nationalsozialismus (=bpb Informationen zur politischen Bildung; 330), Bonn 2016; URL: <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/izpb\/232791\/widerstand-gegen-den-nationalsozialismus\">https:\/\/www.bpb.de\/izpb\/232791\/widerstand-gegen-den-nationalsozialismus<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>5 MEMO Deutschland III, S. 16.<\/p>\n\n\n\n<p>6 Nach einer Studie der Anti-Defamation League von 2019 waren 42 Prozent der Deutschen der Meinung, Juden w\u00fcrden zu viel \u00fcber den Holocaust sprechen. <a href=\"https:\/\/global100.adl.org\/country\/germany\/2019\">https:\/\/global100.adl.org\/country\/germany\/2019<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>7 Siehe dazu: Siegel, Anja: Sekund\u00e4rer Antisemitismus in Deutschland, Blogpost der Hessischen Stiftung f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) 2018; URL: <a href=\"https:\/\/blog.prif.org\/2018\/08\/01\/die-deutschen-werden-den-juden-auschwitz-nie-verzeihen-zvi-rex-sekundaerer-antisemitismus-in-deutschland\/\">https:\/\/blog.prif.org\/2018\/08\/01\/die-deutschen-werden-den-juden-auschwitz-nie-verzeihen-zvi-rex-sekundaerer-antisemitismus-in-deutschland\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist keinen Monat her, da wurde in Deutschland dem 75. 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