Flieg kleiner Vogel flieg…

Neulich saß ich am Lagerfeuer. Schulabschluss von meinem Sohn. Man plauderte nett, das Energielevel aller Beteiligten war schon etwas gesunken, ob der vielen Aktionen im Tagesverlauf. Da fragte mich ein Elternteil was ich beruflich mache. Und so habe ich von meiner Arbeit in der Netzwerkstatt der Hillerschen Villa berichtet – von Ausstellungen zur regionaler Geschichte, Projekttagen an Schulen, Zeitzeug:innen und Stolpersteinen. Da hakte mein Nachbar, welchen ich in der Dunkelheit kaum sah, ein. „ach da wo angeblich die Deutschen die Schuld haben“ – ich verstand die Bemerkung nicht – und fragte nach – ich verstand wieder nicht – erst bei der dritten Nachfrage wurde mein Nachbar deutlicher und fragte mich zurück. Ob ich denn bei diesen angeblichen Morden dabei war?! Ob meine „angeblichen“ Zeitzeugen dabei waren?! Nein, nein – diese große Schuld der Deutschen ist garnicht bewiesen, dafür gibt es Belege und Experten, welche die wirkliche „Wahrheit“ kennen und diese auch in Vorträgen quer durch Europa verkünden.

– In diesem Augenblick musste ich an einen Zeitungsartikel denken, welchen ich im letzten Jahr – im ersten Lockdown gelesen habe.  Zusammengefasst meinte er, dass jeder Mensch so seinen „Vogel“ hat, seinen Spleen, seine kruden Ansichten. Und dass dies auch gut sei – er könne diesen „Vogel“ auch hegen und pflegen. Nur sollte er aufpassen, dass er ihn nicht ungefragt herumfliegen lässt und am Ende sogar noch seinen Nachbarn die Augen aushackt. Dieses Bild machte für mich Sinn. Es fliegen gerade viele „Vögel“ herum – im realen und im digitalen Leben. Und anscheinend bin ich in der „Lagerfeuer-Situation“ gerade so einem „Vogel“ begegnet. Einem besonders großen Flattertier. –

Meinem Gegenüber im Dunkeln teilte ich, nach dem ich verstand was er meinte mit, dass ich seine Ansichten absolut nicht teile und absolut keinen Bedarf habe beim Schulabschluss meines Sohnes über diese Ansichten zu sprechen. Doch der „Vogel-Halter“ gab nicht Ruhe – ich solle mich mit der Wahrheit auseinandersetzen, ich solle die Wahrheit sehen. Immer wieder setzte der gefiederte Feind zum Angriff an – ich konnte ihn nur noch damit verscheuchen, dass ich meinte, wenn er nicht bald Ruhe gibt, müsse einer von beiden gehen. Angriff abgewehrt.

Natürlich ist mir bewusst, dass es Auseinandersetzungen mit anderen Meinungen, Wahrnehmungen, ja „Wahrheiten“ geben muss! Diese sind absolut notwendig und voraussetzend in einer Demokratie – dafür braucht es passende Gesprächsräume und -anlässe. Doch mir bereitet es mehr und mehr Unbehagen, wenn einem fremde, aber auch näher stehende Personen ihre „Wahrheit“ ins Gesicht jagen. Ungefragt und ohne Rücksicht auf dem Gegenüber. Beispiele ließen sich einige finden, doch ich gönne diesen Vögeln mal eine Ruhepause…

…mit schönen langem Schnabel…

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