Raus aus der Schule, rein in die Welt

Erster Monat im FSJ, was soll da schon groß passieren außer Mailadresse einrichten? Frisch aus der Schule hieß es: raus, Menschen treffen, sich auf andere einlassen. So konnte ich zum einen meine Mitstreiter_innen im sächsischen Freiwilligen Sozialen Jahr Politik kennenlernen, aber auch im Rahmen des MAZEWA-Projekts auf junge Menschen aus ganz Europa treffen. Ein Einstieg, den ich mir so nicht vorgestellt hatte, der aber wohl nicht besser hätte sein können.

„Erster Tag im FSJ“ hieß für mich „erster Tag auf Seminarfahrt“. In einer Jugendherberge in Bad Lausick, Kreis Leipzig trafen alle dreißig FSJler:innen der Sächsischen Jugendstiftung erstmals aufeinander. Es war ein bunter Haufen an Menschen mit mehr oder weniger politischer Vorerfahrung, welcher die Möglichkeit gab, neben oberflächlichem Small-Talk auch in intensiven inhaltlichen sowie persönlichen Austausch zu treten. Gemeinsam gestalteten wir die morgigen Is-Was-Runden, erlebten weitere pädagogische Highlights und freuten uns dann auf organisatorischen und fachlichen Input. Geladen waren u.a. zwei Vertreterinnen von „spreuXweizen“, welche ihrem Workshop zum Thema Fake News darboten sowie ihr Multiplikator_innen-Programm vorstellten. Besonders interessant fand ich den Vortrag von Herrn Dr.-Ing. Sebastian Götz über Deepfakes und die damit einhergehende Glaubwürdigkeits-Problematik von Videoinhalten. Am letzten Abend durften wir eine Einsatzstelle des FSJ-P mit unserer Präsenz unterstützen, indem viele von uns den längeren Spaziergang zur „Alten Rollschuhbahn“ auf sich nahmen, um dort den Film Als Hitler das rosa Kaninchen stahl zu schauen. Die erste Seminarfahrt mit ihren vielen Eindrücken und Anekdötchen macht Lust auf mehr und war ein gelungener Einstieg in das Jahr.

Das MAZEWA-Workcamp-Team auf Exkursion in Liberec

Nach einem Tag Pause startete ich auch schon ins lebendige Sommerleben der NETZWERKSTATT, indem ich das Team am Tag des offenen Denkmals bei ihrem Stand auf dem jüdischen Friedhof in Zittau unterstützen durfte. An diesem Sonntag, den 12. September 2021, trafen dann auch das erste Mal die Freiwilligen des MAZEWA-Projekts in der Hillerschen Villa aufeinander. Nach einer kurzen Wer-bin-ich-Runde und einer kleinen Führung durch das Haus durften sich die von weither Angereisten sich erst einmal mittels Nachtschlaf erholen. Die erste Woche stand ganz im Zeichen des Themas jüdisches Leben und dessen Geschichte im Kreis Görlitz, aber auch über die Grenzen nach Polen und Tschechien hinaus. So lernten die Teilnehmenden neben der Stadt Zittau, dem jüdischen Friedhof und dem Stadtmuseum durch eine Führung des Herrn Dr. Peter Knüvener auch den Standort der ehemaligen Synagoge Zittaus, welche von den Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht gesprengt wurde, kennen. Auf unserem Görlitz-Trip am Mittwoch durften wir auf Alex Jacobowitz treffen, welcher uns in fesselnder Art und Weise die Görlitzer Synagoge zeigte. Am Nachmittag besuchten wir das ehemalige Stammlager VIIIA in Zgorzelec, wobei wir zwei ereignisreiche Taxifahrten durch Polen erlebten. In den Tagen darauf radelten wir nach Polen, um dort das einzige jüdische Grab auf dem Friedhof Sieniawkas anzuschauen sowie einen Blick auf die Zittwerke zu werfen, erfuhren mehr über die Geschichte der Hillerschen Villa und veranstalteten unser International Dinner. Gutes Essen, nette Gesellschaft, ein voller Erfolg. Das Projekt führte uns zum Abschluss der ersten Woche nach Liberec in Tschechien. Dort besuchten wir die neue Synagoge und durften gespannt den Erzählungen des Holocaust-Überlebenden Pavel Jelínek lauschen.

Die zweite Woche des Projekts sollte sich ganz auf die Ergebnissicherung und Arbeit auf dem jüdischen Friedhof in Zittau fokussieren. Gemeinsam besserten die Teilnehmenden den Zaun aus, strichen diesen, schnitten die Büsche und kämpften gegen die fallenden Blätter des heranschleichenden Herbsts. Ein Teil der Gruppe bereitete die Ergebnisse des vorangegangenen MAZEWA-Projekts auf, um die Informationen zu einzelnen Orten auf dem Friedhof für die Abschlusspräsentation physisch sichtbar zu machen. Apropos sichtbar – das eigentliche Ziel war es, die ehemaligen Mauern der im Jahr 1938 gesprengten Trauerhalle mit Sandsteinen nachzustellen. Leider konnte der beantragte Eingriff in die Rasenfläche neben des Eingangs des Friedhofs auch bis zum letzten Moment durch die zuständigen Denkmalbehörden nicht bearbeitet werden. Daher entschieden wir uns dazu, die Steine vorerst auf das Gras zu legen und nachträglich in den Boden einzusetzen. Gekrönt wurden die zwei Wochen durch die Abschlusspräsentation am 24. September. Zu Besuch waren u. a. Rabbi Akiva Weingarten der jüdischen Gemeinde zu Dresden, Vertreter:innen der Besht Yeshiva Dresden sowie der Oberbürgermeister Zittaus Thomas Zenker. Die Teilnehmenden und die Projektleiterin Anne Kleinbauer stellten ihre Ergebnisse vor und durften sich an lobenden Worten des Auditoriums erfreuen.

Eine Woche auf Seminarfahrt. Zwei Wochen MAZEWA. Für mich ist der zurückliegende Monat der abwechslungsreichste und zugleich spannendste der letzten Jahre. Er gibt Aussicht darauf, dass ein solches Jahr die richtige Entscheidung war, obwohl klar ist, dass auch andere Zeiten und Tätigkeiten auf mich zukommen werden.

TS

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