Solidarität in der Krise: Elterngedanken zum Muttertag

Letzte Woche hatte ich meinen Corona-Blues. Es war der 2. Tag der Schul- und Kitaschließungen. Im Radio wurde gestritten, wer bei den Impfungen jetzt priorisiert werden soll. Als dann darüber gesprochen wurde, dass alle Geimpften wieder feiern, reisen und sonst was alles machen sollen, da war es bei mir vorbei…! „Die Rentner verreisen und wir dürfen unsere Kinder zu Hause beschulen und nebenher im Homeoffice arbeiten – irgendwie, irgendwann bis zur Erschöpfung.“

Um eines vorab klarzustellen: Ich finde die Coronamaßnahmen wichtig. Wir müssen auf jeden Fall vermeiden, dass Menschen durch das Virus sterben. Und es sind schon zu viele, die in den letzten Monaten ihr Leben lassen mussten.

Und ich finde Solidarität sehr wichtig, ich will auf jeden Fall meinen Beitrag dazu leisten, aber ich finde, dass die Lasten der Pandemie ziemlich ungerecht verteilt sind. Es gibt jene, für die sich bis auf den Verzicht auf Freunde treffen, Theater- und Restaurantbesuche überhaupt nichts ändert und jene, bei denen alles auf dem Kopf steht.

Unsere Kinder waren aufgrund der Schul- und Kitaschließungen in der Zeit von März 2020 bis heute 24 Wochen zu Hause. Während die Kinder in der Notbetreuung wahrscheinlich viel intensiver als normalerweise in Grundschule und Kita betreut werden, versuchen wir uns rudimentär im Homeschooling. In unserer Familie wird dies dadurch erschwert, dass ein kleines Geschwisterkind im Kitaalter gleichzeitig permanent bespaßt, bespielt und getröstet werden will. Unsere Tochter ist bei der Erledigung ihrer Aufgaben viel auf sich selber gestellt – an Homeschooling im eigentlichen Sinne also nicht zu denken. Wir Eltern versuchen uns die Betreuung anteilig zu unseren Arbeitsstunden aufzuteilen – der ganze Tag ist eng durchgetaktet – ein stetiger Wechsel zwischen Kinderbetreuung und Arbeit. Und es ist nicht nur das, sondern auch das Mehr an Hausarbeit will erledigt sein – es muss jeden Tag gekocht und die Wohnung muss eigentlich permanent aufräumt und geputzt werden, weil ja immer alle zu Hause sind.

Bild: Stefan Bayer / pixelio.de

Ja, es gibt zusätzliche Krankheitstage für Familien – aber bedeutet es nicht einfach eine Verschiebung der Arbeit auf die Zeit danach? Und viel wichtiger: Ich will arbeiten, ich brauche das als Ausgleich zu dem Wahnsinn zu Hause. Meine Arbeit ist in der Pandemie nicht weniger geworden. Ich fühle mich auch an dieser Stelle gerade mehr gebraucht denn je und das tut mir gut. Außerdem: ich will mich beteiligen und mitreden, auf meiner Arbeit und in der Gesellschaft, dort wo ich eine Meinung habe und gebraucht werde. Die Stimmen derer, die Familie haben, waren in unserer Gesellschaft gefühlt nie sehr laut, gerade aber sind sie wahrscheinlich kaum vorhanden. Weil wir keine Zeit und keine Kraft haben, uns hörbar zu machen. Und damit werden vielleicht entscheidende Weichen ohne uns gestellt – ohne uns Eltern und insbesondere ohne uns Mütter.

Auf der anderen Seite merke ich auch, wie meine Kinder mich / uns brauchen – mehr denn je – dass wir als Eltern ihnen gerade alles Mögliche ersetzen müssen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass unsere Kinder den alltäglichen Kontakt zu anderen Kindern vermissen – auch wenn sie inzwischen weiterhin Kontakt zu einzelnen Freundinnen haben. Was passiert eigentlich mit der Gruppendynamik in Schule und Kita? Findet die Kita-Gruppe / die Klasse danach wieder zusammen, finden unsere Kinder dort wieder ihren Platz? Es tut mir weh, dass ich den Eindruck habe, dass unsere Kinder von Ihren Bezugspersonen in den Einrichtungen scheinbar vergessen werden: Der einzige Kontakt mit der Schule sind die wöchentlich zusendeten Aufgabenzettel und pro Lockdown ein Anruf der Klassenlehrerin – innerhalb von 9-10 Wochen. Auch aus der Kita kommt nicht viel mehr. Offenbar genügen sich die Einrichtungen mit der Notbetreuung – wie die anderen Kinder den Anschluss behalten, damit fühlen zumindest wir uns ziemlich allein gelassen.

Was macht mich dabei so wütend? Es ist das Gefühl, dass all das von kaum jemandem gesehen wird. Dass nicht gesehen wird, dass wir gerade täglich versuchen, Unmögliches möglich zu machen und dabei permanent an die eigenen Grenzen gehen. Dass nicht gesehen wird, dass unsere Kinder benachteiligt sind, was wir als Eltern nicht ausgleichen können. Ich vermisse eine Anerkennung dessen, was gerade jetzt, aber auch generell, in den Familien geleistet wird. Und auch die Wahrnehmung dessen, dass Familien durch die Kontakte in Schule und Kita (bei uns sind es Kontakte zu mind. 35 weiteren Familien) in einem hohen Maße dem Virus ausgesetzt sind, dass auch sie – krank werden, dass es auch hier – wenn auch seltener – zu schlimmen Fällen kommen kann. Schon allein, mit meiner Familie in Quarantäne zu sein, möchte ich mir gar nicht vorstellen. Ich vermisse diese Anerkennung gesellschaftlich (z.B. beim Thema Impfpriorisierung), aber auch im privaten Umfeld.

Der Verdacht, nicht gesehen zu werden, kommt mir z.B., wenn ich von verschiedenen Seiten höre, dass wir durch Corona so viel Zeit haben – Zeit, uns grundsätzlich Gedanken zu machen über unsere Gesellschaft und unser Leben. Oder dass wir doch eigentlich in unserer heutigen Zeit so viel Zeit wie nie haben müssten und nur selbst dafür verantwortlich sind, dass wir uns so stressen.

Klar, wie können wir auch voneinander wissen, wenn wir es uns nicht erzählen. Die persönlichen Erfahrungen in dieser Krise sind so verschieden und es gibt viel zu wenig Austausch darüber. Ich glaube, dass gerade sehr viele den Eindruck haben, viel zu geben und damit nicht gesehen zu werden. Was muss das erst mit jenen Menschen machen, deren wirtschaftliche Existenz bedroht ist, die Angst haben, alles zu verlieren, was sie sich über viele Jahre aufgebaut haben. Welche Wut durch die Ungerechtigkeit und das Allein-gelassen-Werden entsteht, verdeutlicht sich für mich in der Plakataktion der Gastwirt*innen. Zwar finde ich die Art und Weise des Protests unsolidarisch, unsachlich und nicht lösungsorientiert. Vor dem Hintergrund meiner eigenen Gefühle kann ich jedoch verstehen, dass sich die aufgestaute Wut und Hilflosigkeit ein Ventil suchen muss. Ich selbst habe gemerkt, dass auch ich ungerecht und polemisch werde. Auch wenn ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass es schwierig ist, die Ungerechtigkeiten zu thematisieren, ohne eine Neiddebatte anzuzetteln – ohne z.B. Jung gegen Alt auszuspielen.

Um zum Anfang zurück zu kommen: Natürlich ist es nachvollziehbar, dass geimpfte Menschen wieder mehr Freiheiten bekommen, denn sie stellen keine Gefahr mehr dar und es ist gut, wenn das Leben wieder lebendiger wird. Ich wünsche mir aber, dass jede und jeder schaut, wo der eigene solidarische Beitrag liegen kann. Mich ärgert es z.B. maßlos, wenn andere Menschen sich nicht an die Corona-Regeln halten und dadurch immer wieder neue Infektionen riskieren, Menschen in Gefahr bringen und die ganze Situation weiter verlängern. Ich kann nur noch mit Unverständnis reagieren, wenn ich höre, dass ca. 60% der Kinder derzeit die Kita-Notbetreuung nutzen. Brauchen wirklich alle Familien, denen eine Notbetreuung zusteht, diese in diesem Umfang? Ja, die Zahlen gehen runter, aber würden sie ohne die vielen Ausnahmen vielleicht noch viel schneller runter gehen? Und es sollten auch jene, die keine finanziellen Einbußen durch die Pandemie haben und vielleicht sogar Gewinne erwirtschaften, ihren solidarischen Beitrag leisten. Es wäre insgesamt schön, wenn sich jene, denen die Krise bisher weniger abverlangt hat und jene, die von unserer Solidarität in erster Linie profitiert haben, sich mit eigenen Überlegungen an einer solchen Diskussion beteiligten. Ich für mich wünsche mir selber Großzügigkeit, die Situation jetzt noch so lange und ohne Groll auszuhalten, wie das notwendig ist. Mir den Frust von der Seele zu schreiben, hat mir dabei schon mal geholfen.

AKn

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