Seminarfahrt Frauenstein 2019

Hallo ich bin Moritz der neue FSjler der Netzwerkstatt. Ich bin jetzt schon seit zwei Monaten in meinem FSJ-Politik aktiv, da zu einem FSJ auch immer mehrere Seminarfahrten mit der FSJ-Gruppe gehören, möchte ich euch jetzt von meiner Ersten Seminarfahrt berichten.

Die Fahrt fand vom 21.9. bis zum 25.9. statt und führte unsere FSJler-Gruppe von ca. 27 Jugendlichen, in dem idyllischen Frauenstein. Frauenstein ist ein kleinerer Ort irgendwo zwischen Freiberg und Dresden. Er ist vor allem durch seine Silbermannorgel bekannt und hat darüber hinaus auch noch eine Burgruine zu Bieten. Diese haben wir aber, auch weil das Wetter so gut mitspielte, schnell innerhalb einer Mittagspause erkundet. Nicht zu vernachlässigen ist natürlich auch die Jugendherberge in der wir unseren größten Teil der Zeit verbrachten und welche uns mit leckeren Essen, schönen Räumlichkeiten und einem großen Garten verwöhnte.

Den ersten Tag haben wurde vor allem mit organisatorischen Dingen und einer Reflexion unserer ersten Erfahrungen in der jeweiligen Einsatzstelle gefüllt. An dem folgenden Tag beschäftigten wir in verschiedenen Workshops zu den Themen Rhetorik und Kommunikation, und Beteiligungsmöglichkeiten von jugendlichen in der Kommunalpolitik. Aus dem Workshop zu Beteiligungsmöglichkeiten entstanden verschiedene Projektideen, die bei der Einhaltung der uns neu vermittelten Strukturen mit Sicherheit auch umgesetzt werden könnten. Ein Peer-Training zu Privilegien und Identität beschäftigte uns dann für die nächsten anderthalb Tage. Zusammen mit sehr sympathischen Peertrainern wurden wir zur Selbstreflexion mithilfe des Persönlichkeitsmoleküls sensibilisiert. Am Donnerstag, gab es dann auch noch einen Workshop zum Thema Politische Kunst, welcher uns weiterhin auch bei den nächsten Seminarfahrten begleiten wird. Der Freitag war dann der Wahl der Gruppensprecher genutzt worden und der Planung der folgenden Bildungstagen, Seminarfahrten.

Nicht zu vernachlässigen während der gesamten Fahrt war natürlich auch die Abendgestaltung, bei der wir häufig am Lagerfeuer saßen, dass ein oder andere Getränk tranken, den schönen Sternhimmel genossen und fleißig Werwölfe spielten. Besonders tanzte da vor allem aber der Donnerstagabend aus der Reihe. An diesem Abend fand ein Open Space statt, zu dem jeder seine eigenen Themen und Workshop Ideen mitbringen konnte. Hier fand dann ein Workshop zur Gestaltung von Flipcharts, wie auch ein „Halt mal kurz“ Turnier statt.

Jetzt nach der Seminarwoche freue ich mich schon auf das nächste Zusammentreffen unserer FSJler-Gruppe. Denn so eine tolerante Gruppe wie diese ist echt angenehm und schafft ein gutes Diskussionsklima.

360° Töne aus dem Untergrund — Subkultur in der DDR

„Wir wollten anders sein, uns abheben, provozieren…rebellieren […].“

Am 2.10.2018 fand die 360° Veranstaltung mit dem Thema Subkulturen in der DDR im Keller des Zittauer Rathauses statt. Bei einer angenehmen Atmosphäre in einer Runde mit „Jung und Alt“ wurden Geschichten erzählt und mit musikalischer Untermalung in Erinnerungen geschwelgt. Bei der Dialogrunde stand das Thema Musik im Vordergrund, denn oftmals war es diese, welche die jungen Menschen zu einer Subkultur vereinte. Sie war die Verbindung zwischen den vielen verschiedenen Persönlichkeiten, die alle eines gemeinsam hatten, nämlich die Unzufriedenheit gegenüber der Regierung und den Drang anders zu sein.

Mit Gästen wie zum Beispiel Bernd Stracke gab es viel Input aus mal einer anderen Perspektive als man vielleicht sonst schon einmal aus Filmen oder aus der Schule mitbekommen hat. Stracke ist Leipziger und war früher in der örtlichen Punkszene der Messestadt aktiv. Er war Mitglied der Bands „Wutanfall“ und später „L´Attentat“ und kritisierte in seinen Texten das System und die Regierung der DDR.

Es gab einige Schmunzler..

Der Zittauer Rathauskeller bot den Perfekten Ort für die Veranstaltung

 

 

 

 

 

 

Es gab verschiedene Arten von Subkulturen. Die jungen Menschen versuchten auf ihre Art etwas zu bewegen oder einfach ihren Standpunkt klar zu machen. Es gab zum Beispiel die „Tramper“, „Blueser“, „Hippies“ oder eben auch die „Punks“, welche ein teilweise sehr provokantes Auftreten hinlegten. Mit ihren ungewöhnlichen Outfits und schrägen Frisuren hatten sie ein Ziel. Auffallen. Anders sein. Provozieren. Das Punk Sein war nicht einfach nur die Musik zu hören und so auszusehen wie ein typischer Punk. Es war eine Lebenseinstellung. Stracke meinte das seine Generation sich noch einmal ganz klar von der seines fünf Jahre älteren Bruders abhob bzw. abheben sollte. Er sagte: „Mein Bruder…ach das waren für mich alte Leute, wir wollten was anderes, was eigenes. […]“.

Neben den vielen Geschichten und Erlebnissen von Stracke aus den Großstädten wie Leipzig oder Berlin, war auch Thema wie man hier in Zittau dieses „Untergrundleben“ mitbekam. Wie sich herausstellte gab es auch hier viele Musikliebhaber und politisch engagierte Leute, jedoch war dieses extreme Szenenleben bei weitem nicht so ausgeprägt wie in den größeren Städten. Zittau wirkt fast ein wenig verschlafen wenn man es mit den Eindrücken von Stracke aus Leipzig oder Berlin vergleicht.

Auch hier gab es die typischen Jugendtreffs und junge Leute die sich mit ihrem Aussehen von den anderen abhoben, allerdings waren das nur Einzelfälle im Vergleich zu den großen Städten. Es war auch schwierig hier in der Gegend vieles überhaupt mitzubekommen, da Bands wie zum Beispiel „Wutanfall“ (o.a.) nicht im Radio übertragen wurden.

Allerdings erfuhren wir auch von einem Jazz-Festival das in Peitz in der Nähe von Cottbus stattfand. Anfangs fand es in dem Filmtheater von Peitz statt, zunächst als kleines Konzert verschiedener Gruppen, doch als sich schließlich die Zuhörer „vermehrten“ wichen die Veranstalter an einen See aus und veranstalteten ein Open Air Festival. Dieses fand wie uns erzählt wurde bei Wind und Wetter statt und war auch weit verbreitet bekannt. Auch Bands aus Polen oder Tschechien spielten dort.

Neben ein paar Lachern, über damalige Aktionen oder den einen oder anderen Musiktitel, gab es auch ein paar unangenehme Erlebnisse die die ehemaligen DDR-ler mit uns teilten. Das forsche Vorgehen der Polizei und die ständige Überwachung der Stasi, waren Dinge die eben vor allem junge Leute die nicht „normal“ aussahen oder ihre kritische Meinung öffentlich kund taten, zu spüren bekamen.

Die Stasi wusste zunächst nicht so recht mit den vielen verschieden Gruppen der Subkultur umzugehen. Um es den Polizisten leichter zumachen wurden die Gruppen nach ihrem Aussehen und Verhalten eingeteilt und es entstand eine Art „Handbuch“ um junge Leute bei einer Kontrolle einfacher zuordnen zu können. Dies waren Maßnahmen um diese Szenen zu zerschlagen und aufzulösen. Auch Stracke bekam das zu spüren. Ihm wurde wie auch anderen der Ausweis entzogen und ein „Ersatz“ zugeteilt. Dieser erlaubte es jedem Polizisten ihn mit auf die Wache zu nehmen und dort festzuhalten ohne, dass es einen triftigen Grund gab. Auch Haftstrafen wurden gegen die jungen Menschen, die sich nicht anpassen wollten, veranlasst. Das und der oftmals anschließende Freikauf durch die BRD waren Dinge von denen uns auch Bernd Stracke berichtete.

So spannend wie die verschiedenen Geschichten und unterschiedlichen Eindrücke auch anzuhören waren neigte sich die Veranstaltung bald dem Ende. Mit lockeren Gesprächen unter den Teilnehmenden wurde der Abend abgerundet und hinterließ vielleicht bei dem ein oder anderen einen bleibenden Eindruck und gab den Anwesenden ein paar Dinge zum Nachdenken mit nach Hause.

 

 

 

 

 

Fotos von Martin Kunack

Text von Neele Polke

„Du bist Europa!“

Europa kann man fühlen. Wer schon einmal in Berlin oder gar direkt in Brüssel war, weiß das. Es fühlt sich wie der Pulsschlag eines gewaltigen Herzens an, voller Energie. Etliche verschiedene Sprachen, Fahnen, Autokennzeichen, Waren – die Internationalität liegt quasi auf der Straße und ist für jeden mit Händen zu greifen.

In Zittau ist davon gewöhnlich wenig zu spüren. Auf dem Wochenmarkt spricht man eher über die neuesten Ereignisse in Spitzkunnersdorf, Mittelherwigsdorf und Bertsdorf-Hörnitz als über Straßburg, Madrid und Bukarest. Wer „nu“ nicht versteht und „Abbernmauke“ nicht kennt, fällt schon auf wie ein bunter Hund. Soweit so gut. Komisch wird es, wenn jemand vor dem Stand des Gemüsehändlers aus Tschechien steht, um den Preis der schönsten tschechischen Gurke feilscht und zeitgleich über die Sinnlosigkeit der EU schimpft. Und danach, als wäre nichts geschehen, nach Polen tanken und Zigaretten kaufen fährt.

Diese offensichtliche Diskrepanz wollen wir als Netzwerkstatt und 50 junge SchülerInnen des Christian-Weise-Gymnasiums nicht hinnehmen und beschlossen, ein kleines Stück Europa in unsere Stadt zu holen. Oder besser gesagt, ins Bewusstsein – denn auf den zweiten Blick findet man in Zittau (fast) genauso viel Europa wie in Berlin.

Dazu luden wir am 19. April drei engagierte ReferentInnen von JEF Sachsen in die Hillersche Villa ein. JEF steht für Junge Europäische Föderalisten und bezeichnet einen überparteilichen internationalen Verband junger Menschen, der für die europäische Idee brennt und diese Anderen erklären und ins Bewusstsein rücken will.

In unserem Projekttag unter Leitung von Herrn Jörg Stüwe zu dem Motto „Du bist Europa“ tauchten wir zunächst in die Geschichte der Europäischen Union ein und ergründeten Errungenschaften der EU, die unser aller Alltag bestimmen und uns bisher selbstverständlich schienen.

Direkt im Anschluss durften wir einen besonderen Gast begrüßen – Herrn Baumann-Hasske, Abgeordneter des Landtages und unter anderem Sprecher der SPD-Fraktion für Europapolitik sowie Mitglied im Europaausschuss. Im Podium bot sich den SchülerInnen die Möglichkeit, den Abgeordneten, eine Referentin von JEF und ihre Lehrerin mit allen Fragen zu bestürmen, die sie zu ihrer Sicht auf Europa und Europapolitik hatten. Wer mutig war, konnte sich auch selbst befragen lassen.

So inspiriert starteten wir in ein besonderes Planspiel. Alle Teilnehmenden schlüpften in die Rollen von Abgeordneten verschiedener Fraktionen im Europäischen Parlament, die sich mit dem Thema Asylgesetzgebung befassten. In Kleingruppen wurden zuerst die Positionen der Fraktion erarbeitet und Argumente gesammelt.

Mit diesen Argumenten gingen die gewählten SprecherInnen der Fraktionen dann in eine spannende Diskussion. Herr Baumann-Hasske verkörperte bei dieser Simulation einer Sitzung des Europäischen Parlamentes den Kommissionspräsidenten. Der Höhepunkt des Tages!

Abschließen konnten wir den interessanten Tag mit viel positivem Feedback und dem Plan, ein ähnliches Projekt auch 2019 durchzuführen – dem Jahr der Europawahl, bei der alle wahlberechtigten EU-BürgerInnen mitbestimmen können, welche Politik in den darauffolgenden 5 Jahren im Europäischen Parlament betrieben werden wird. Vielleicht wird sich der eine oder die andere am Wahltag an unser Projekt erinnern.

Text und Fotos von Cora Heß

Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtages beschlossenen Haushaltes.

Sieben Brücken und ein Kloster

Erhaben, respektgebietend, der Welt entrückt: an die sanften Hänge des Neißetals bettet sich seit nahezu 1800 Jahren das Nonnenkloster St. Marienthal als ein Ort der Stille. Eine Stille voller Leben: im IBZ, dem internationalen Begegnungszentrum St. Marienthal treffen ständig die unterschiedlichsten Jugend- und Seminargruppen zusammen.
Ein Ort der Begegnung – wie geschaffen also für unser eigenes Begegnungsprojekt! Unter dem Thema „Energie schöpfen“ finden 19 Schüler_Innen des Gymnasiums „Evangelische Zinzendorf-Schulen“ und der Förderschule „Johann Amos Comenius“ hier vom 24. Bis 27. Oktober 2017 zusammen, um mit Patrick Weißig aus der Hillerschen Villa dem Ursprung von Energie nachzuspüren. Im Vordergrund steht der Gedanke: „Woraus ziehe ich meine eigene Energie? Was treibt mich an?“.

Das Projekt beginnt spannend. Man_frau kennt sich nicht, Berührungsängste und gegenseitige Vorbehalte  hängen spürbar in der Luft. Doch durch lustige Kennenlernspiele lockert sich die Stimmung schnell. Wer kann auch ernst bleiben, wenn er_sie versucht, mit dicken Filzstiften in 3 Minuten ein einigermaßen realitätsnahes Porträt des Gegenübers zu zeichnen?

Bald kommen wir direkt zur Sache: Die Schüler_Innen können ihre Wünsche angeben, in welcher Arbeitswerkstatt sie in der kommenden Woche täglich mehrere Stunden verbringen wollen. Malerei, Schauspiel oder Fotografie? Die Entscheidung fällt so manchem_r schwer. Doch als die Arbeit in den Werkstätten beginnt, lösen sich die Zweifel der Jugendlichen schnell auf. Tolle Talente treten zu Tage, alle werden zum Lachen gebracht.

Für Abwechslung und Bewegung sorgen interessante Ausflüge in die Umgebung des Tagungshauses. Am Mittwoch besteigen wir mit fachkundigem ehemaligem Tagebaupersonal den Schaufelradbagger am Berzdorfer See. Mit bunten Schutzhelmen ausgestattet tauchen die Schüler_Innen in die Vergangenheit ein, im Ohr einen unaufhörlichen Informationserguss über Details der Bau- und Funktionsweise der imposanten Maschine und des Arbeitsalltags der Tagebauarbeiter_Innen.  Auch deren besonderen paradoxen Humor dürfen wir live erleben, während wir über ungezählte stählerne Treppen und Brücken steigen und die Höhenangst bezwingen.

Der Donnerstag führt uns nicht ganz so weit weg: Herr Georg Salditt vom IBZ erklärt uns in einer Klosterführung eine ganz andere Form von Energie als jene, die aus der Kohle kommt, nämlich die Lebenseinstellungen der Nonnen des Zisterzienserordens. Die Jugendlichen interessieren vor allem praktische Fragen:  „Was bedeutet eigentlich, ohne eigenen Besitz zu leben?“.  Im Anschluss werfen wir noch einen Blick in das historische Sägewerk. Der Abend findet einen besinnlichen Abschluss bei den faszinierenden Klängen der Abendandacht der Nonnen.

Am Freitag können sich die einzelnen Arbeitsgruppen schließlich ihre Ergebnisse präsentieren. Die Malereiwerkstatt lädt zu einer Galerie farbenfroher Bilder ein, die ganz unterschiedlich an das Thema innere Energie angelehnt sind. Die Fotograf_Innen unter uns stellen eindrucksvolle Porträt- und Landschaftsaufnahmen aus. Highlight bildet schließlich die Darbietung der Schauspielgruppe, die sich mit viel Fantasie mit dem Märchen „das kalte Herz“ auseinandergesetzt hat und uns nun ein kleines Theaterstück vorführt, in dem vor allem das ernste Thema der Energie des Geldes eine Rolle spielt – wenn auch voller Humor inszeniert, zum Beispiel mit gemeinsamen Singen von „Über sieben Brücken musst du gehen…“.

Damit findet unsere gemeinsame Zeit auch schon ihr Ende. Das Feedback der Teilnehmenden ist überwiegend positiv. Auf jeden Fall wünschen sich fast alle, dass dieses Projekt, dass nun schon das 5. Mal stattfindet, auch im nächsten Jahr wieder angeboten wird und würden es gern weiterempfehlen. Beim Abschied hört man auch schon mal die Worte „Ich fand dich beim Theater richtig cool!“ und  „Es war schön mit euch!“.

Alle sind sich näher als noch zu Beginn der Woche, der trennende Spalt aus Vorurteilen ist viel schmaler geworden, wir haben ihn mit echten Erfahrungen gefüllt –

Brücken geschlagen.

 

Fotos von Patrick Weißig
Text von Cora Heß

 

Zahnbürsten gegen das Vergessen

Das Wetter am 08.09.2017 ist grau, die Menschen auf Zittaus Straßen haben es eilig. Ein kleiner Junge läuft quirlig über den Johannisplatz – die Schule ist aus, der freie Nachmittag winkt. Aber ein ungewöhnliches Bild an der Ecke Bautzner Straße 2 lässt ihn doch stehen bleiben: Zwei junge Frauen kauern auf dem Boden und schrubben mit Metallpolitur und Zahnbürsten kleine grau angelaufene Metallplatten, die in das Pflaster eingelassen sind.

Schnell erfährt er von den Beiden, dass sie Teil eines Projektes des Philosophiekurses in der 11. Klasse am Christian-Weise-Gymnasium Zittau sind: Angeleitet von Frau Pohl, meiner Kollegin in der Netzwerkstatt der Hillerschen Villa – Soziokultur im Dreiländereck, haben es sich 16 engagierte Jugendliche zur Aufgabe gemacht, die sogenannten Zittauer Stolpersteine im Stadtzentrum wieder auf Hochglanz zu bringen. „Die sind mir vorher nie aufgefallen!“, staunt der junge Schüler.

„Die sind mir vorher nie aufgefallen“

Stolpersteine sind kleine Betonquader mit einer Messingplatte, in die Namen und Lebensdaten jener Menschen eingraviert sind, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Verlegt vor dem letzten freiwilligen Wohnort oder Arbeitsplatz, sollen sie die Erinnerung an die ermordeten Stadtbürger wachhalten und zum Nachdenken mahnen.

Dazu müssen sie aber auch wahrgenommen werden, was das eigentliche Anliegen der Putzaktion ist. Dieses Ziel haben die Schüler_Innen zweifellos erreicht: Auch an der Inneren Weberstraße 29 und der Dr.-Brinitzer-Straße bleiben Passanten stehen und zeigen ihre Neugier durch Bemerkungen wie „Ihr sitzt hier aber ungünstig!“ und „Leistet ihr hier Sozialstunden ab?“.
Die Jugendlichen sind vorbereitet: Mit Hilfe von informativen Flyern der Hillerschen Villa erzählen sie über das Schicksal jüdischer Menschen in Zittau, von Familie Keil und Max Brinitzer.

Stolpersteine für die jüdische Familie Keil

Selbst ein Reporter der Sächsischen Zeitung kommt vor Ort und zollt dem Engagement der Mädchen und Jungen Respekt.
Das Feedback ist positiv. „Eine gute Idee“ findet ein Anwohner. Allerdings ruft er uns auch ins Bewusstsein, dass die Initiative nicht bei allen Einwohnern Zittaus auf Zustimmung stößt: Er warnt davor, die Steine zu sehr zu putzen, da sie möglicherweise die Aufmerksamkeit von Gegnern des Stolpersteinprojektes erregen könnten. Tatsächlich sind einige Steine in der Vergangenheit bereits geschändet worden.

Dennoch sind sich die Schüler_Innen einig, dass die Aktion sinnvoll ist.
Bei Kaffee und Keksen im neuen Jugendtreffpunkt „Cafe X“ in der Böhmischen Straße 8 werten wir das Projekt aus. „Glänzende Steine sind im Stadtbild viel auffälliger und erregen bei mehr Leuten Aufmerksamkeit. Das ist ja die Aufgabe der Steine. Und wer die Steine zerstören will, macht das sowieso gezielt – egal ob sie glänzen oder nicht“, urteilt einer der Jugendlichen. Eine Schülerin fasst sehr treffend die tieferen Gedanken und Absichten hinter Zahnbürsten und Poliermittel zusammen und philosophiert:

„Das Putzen bewirkt, dass man sich immer wieder an die Vergangenheit erinnert – nicht nur einmal beim Verlegen der Steine“.

Auswertung mit Frau Pohl im Cafe X

Die Steine liegen nun wieder verlassen da.
Jetzt aber glänzend goldfarben – stumme Hirten der Erinnerung.

Text/Fotos von Cora Heß

 

 

Film und Kerzen zum Gedenken in Zittau

Anlässlich des Internationalen Holocaustgedenktags, am 27. Januar zeigte die Netzwerkstatt der Hillerschen Villa, den Dokumentarfilm „Wir sind Juden aus Breslau“ im Kronenkino.

Die Schicksale von 14, in Breslau geborenen, Menschen werden erzählt. Sie wurden in der Zeit des Nationalsozialismus als Juden verfolgt: einigen gelang die Flucht, andere überlebten das Konzentrationslager Auschwitz. Sie alle bauten sich nach dem Krieg und dem Ende der Verfolgung ein neues Leben auf – ob in den USA, England, Frankreich oder Israel. Die meisten von ihnen reisen während des Films erstmalig wieder zurück ins heutige Wrocław und sprechen mit einer deutsch-polnischen Jugendgruppe über ihre Vergangenheit.

Der Dokumentarfilm von Karin Kaper und Dirk Szuszies hatte am 06. November 2016 in Wrocław, im Rahmen der „Kulturhauptstadt Europas“ seine Premiere. Von der Deutschen Film- und Medienbewertung erhielt der Film das Prädikat wertvoll.
Im Anschluss der Veranstaltung konnten die Besucher mit der Regisseurin Karin Kaper ins Gespräch kommen, sich über die Entstehung des Filmes und die Arbeit mit den Zeitzeugen informieren.

Insgesamt konnten weitaus mehr Besucher als in den vergangenen Jahren begrüßt werden, auch Schüler der Weinauschule sahen den Film.
Schon im Vorfeld der Veranstaltung, am Nachmittag, gedachten Schüler der Zittauer Weinauschule, den während der NS-Zeit ermordeten Zittauer Bürgern. Die Schüler stellten Kerzen an allen 20 Stolpersteinen auf und beschäftigten sich mit den Biografien der Menschen, die zu Opfern wurden. Auch im nächsten Jahr möchte die NETZWERKSTATT der Hillerschen Villa diese Art des Gedenkens fortführen.

Stolpersteine erinnern an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. Das Kunst- und Gedenkprojekt wurde 1992 vom Kölner Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen. Inzwischen wurden über 56 000 Stolpersteine europaweit verlegt, 20 davon in Zittau. 2005 initiierte die Initiative „Erinnerung und Versöhnung“ die Verlegungen, später die NETZWERKSTATT der Hillerschen Villa.
Ein großes Dankeschön an die Schüler der Weinauschule und ihrer Lehrerin, an Frau Karin Kaper, das Team des Kronenkinos und die Kulturfabrik „Meda“ in Mittelherwigsdorf!

 

Text/Fotos von Maximilian Franke